Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.10.2018 von Christian Hönicke

Eine Frau findet beim Renovieren ihrer Wohnung im Kollwitzkiez Anfang der 1980er nicht zugestellte Briefe an ihre jüdischen Vormieter. Und fragt sich: Was ist aus ihnen geworden? Diese Geschichte machte sie im Erzählsalon „Mein schönstes Erlebnis im Kiez“ öffentlich. Dieses Veranstaltungsformat wurde von „Rohnstock Biografien“ entwickelt, einem Prenzlauer Berger Unternehmen, das sich ost- wie westdeutschen Biografien widmet. Die Firma vergaß dabei leider, den Namen der Frau aufzunehmen. Wenn Sie sie auf dem Foto erkennen oder es selbst sind, melden Sie sich doch bitte. Und hier die Geschichte:

Ich bin im Kollwitzkiez aufgewachsen. 1984 bekam ich zusammen mit meinem Mann eine „FDJ-Ausbauwohnung“ zugeteilt. (…) Die war zwar höchst renovierungsbedürftig, aber eine eigene Wohnung, obendrein in unserem Kiez, das war wie ein Lottogewinn! Allein die Wohnungstür mit ihrem kunstvollen Relief war ein Schmuckstück. Irgendwann in den Jahrzehnten vor uns hatte ein Vormieter sie von innen mit einem Feuerschutzblech versehen. Zwischen dem geraden Blech und dem unter ihm liegenden Relief befand sich fortan ein Hohlraum. Wie bei Eingangstüren dereinst üblich, besaß auch die unsere einen Türschlitz, durch den der Postbote die Briefe steckte. Auch das Blech wies einen solchen Schlitz auf und meistens klappte es wohl auch mit der Postzustellung.

Hin und wieder jedoch, so zum Beispiel in den Jahren 1934 bis 1936, (…) plumpsten einige Briefe in besagten Hohlraum. (…) Sie würden wohl noch heute dort liegen, wenn wir im Jahre 1984 nicht befunden hätten: Weg mit dem ollen Blech von unserer schönen Relieftür! Gesagt, getan. Ich sitze also in der Stube, stille unser Kind und höre derweil meinen Mann an der Tür rumhämmern. Plötzlich Ruhe …

Neugierig, warum er die Arbeit unterbricht, gehe ich zur Tür, sehe das abmontierte Blech auf der Erde – und einen Stapel Briefe. Nach kurzem Zögern setze ich mich zu meinem Mann. Schweigend sitzen wir da und lesen: Briefe, die nicht an uns gerichtet sind, sondern an einen Isaak Binder. Alle fein säuberlich datiert, beginnend 1934. In jenem Jahr bekam Isaak Binder Post von seiner Tante aus Neustrelitz, die da schrieb: Lieber Isaak, ich fahre demnächst zur Kur nach Thüringen und habe viel Gepäck. Kannst du mir bitte helfen? Ich muss am Bahnhof Friedrichstraße umsteigen und schaffe das mit den Koffern nicht allein. Komm doch bitte und hilf mir von dem einen Zug in den anderen. Isaak Binder war nicht am Bahnhof Friedrichstraße erschienen, um seiner Tante zu helfen. Wir waren ja die ersten, die ihre Zeilen lasen. Natürlich war die gute Frau enttäuscht, später schrieb sie eine Karte mit den Zeilen: Lieber Isaak, das war schon schade, ich hatte so gehofft, dass du mir hilfst.

Der letzte an Isaak Binder gerichtete Brief kam aus New York und war in Hebräisch verfasst. Wir hoffen sehr, dass es Isaak Binder geschafft hatte, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Seine Frau verstarb im Jahre 1935, wie ich durch eine Rechercheanfrage bei der Jüdischen Gemeinde von Berlin in Erfahrung brachte. Einige Jahre später wohnte, wie an den Briefumschlägen ersichtlich, eine Familie mit deutschem Namen in unserer Wohnung. Wir alle kennen die deutsche Geschichte …

Ende der 1940er Jahre landeten ein paar Lebensmittelmarken in unserer Tür. Auch das gab uns zu denken. Wer weiß, wie hart der Verlust dieser Marken unsere einstigen Vormieter getroffen hatte … In den folgenden Jahren hielt auch in unserem Haus der Briefkasten Einzug und unsere Tür hatte ihren diesbezüglichen Dienst erfüllt.

Seit jenem Tag also wussten wir, wer zuvor in unserer Wohnung gewohnt hatte. Wir alle leben mit der Geschichte unseres Viertels, mit den Stolpersteinen für diejenigen, die von hier aus deportiert und oftmals umgebracht wurden. Ich für meinen Teil lebte fortan zusammen mit Isaak Binder und seiner Familie in unserer selbst ausgebauten Wohnung.

Eines Tages Anfang der 90er gewahrte ich direkt vor unserem Haus eine Menschentraube. Ein alter Mann hielt den anderen einen Vortrag. (…) Scheinbar erzählte er ihnen etwas über unser Haus, denn er deutete mit ausgestrecktem Arm auf eines unserer Fenster. (…) „Kennen Sie die Geschichte dieses Hauses?“, fragte ich. „Dann wäre es ein großes Geschenk für mich, ihnen zuhören zu dürfen!“ Als ich die verschollenen Briefe an Isaak Binder erwähnte, war das Eis gebrochen.

Von einem Augenblick auf den anderen wurde dieser Mann so offen und weich, dass er meine Hände in die seinen nahm und mir tief in die Augen blickte: „Ich danke Ihnen, danke Ihnen sehr! Meine Eltern betrieben in der Ladenwohnung unter Ihnen einen Milchladen. Die Binders von oben drüber waren unsere besten Kunden. Ich war damals ein Kind und hatte den Namen jener Familie längst vergessen. Es ist für mich ein Riesengeschenk, dass Sie mich jetzt an ihn erinnern.“

Mittlerweile, ließ er mich wissen, lebte er in New York. Nun war er zurückgekommen, um seine alte Heimat wiederzusehen und anderen von seiner Zeit in Berlin zu erzählen. Ich folgte dem Mann und seinen Zuhörern noch ein Stück. So erfuhr ich einiges über unser Viertel und die jüdischen Einrichtungen, die sich einst hier befunden hatten.

Bedauerlicherweise hatten wir jene Briefe weggegeben. Meine Schwiegermutter arbeitete beim Fernsehen und hatte einen Kollegen, der ein privates Museum betrieb. Der besuchte uns 1987 und holte die Briefe ab. Kurz darauf kam die Wende, der Mann verstarb und die Briefe sind wohl auf ewig verschollen. Ich trage diese Geschichte bis heute mit mir herum, ja, mehr noch: Ich selbst bin ein Teil von ihr geworden.

Foto: Rohnstock Biografien. Mehr Alltagsgeschichte(n) finden Sie hier. Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte ebenfalls aufschreiben lassen möchten, können Sie sich per Mail an info@rohnstock-biografien.de wenden.

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