Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.10.2018 von Christian Hönicke

Berthold Kempinski (1843 – 1910), Weinhändler und Namensgeber der bekannten Hotelkette, wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt.

Seit kurzem nun wird sein Ehrengrab von einem schwarzen Kissen und Klebeband verziert. Ein makabrer Scherz? Vandalismus? Antisemitismus (siehe Namen & Neues)? Diebstahl? Nichts dergleichen, so die Friedhofsverwaltung auf Nachfrage, alles korrekt. Es handelt sich um die Begleiterscheinungen einer Renovierung; Kempinskis Ruhestätte wird derzeit saniert. Zum Kissen auf der steinernen Urne griff man, um die große bronzene Kapsel mit einem Bild des Verstorbenen zu bedecken. Bisher wurde Kempinskis Antlitz von einer kleinen Bronzetür verborgen, die von seinen Hinterbliebenen geöffnet werden konnte. Das Türchen wird derzeit repariert, weil es nicht mehr richtig schloss.

Aber warum das Versteckspiel? Weil Gesichter oder andere figürliche Darstellungen auf Friedhöfen nach jüdischem Glauben eigentlich verboten sind. Die Zehn Gebote (Dekalog) im Tanach untersagen es, die menschliche Gestalt abzubilden. Der relativ junge Jüdische Friedhof Weißensee (eingeweiht 1880) spiegelt laut der Berliner „Arbeitsgemeinschaft Sepulkralkultur der Neuzeit“ („ar.se.n.“) allerdings die einsetzende Progressivität des jüdischen Bürgertums in Berlin wieder. Das sei auch daran erkennbar, dass in der Friedhofsgärtnerei Blumen zur Grabbepflanzung gezogen wurden, obwohl orthodoxe Juden diese mit Verweis auf den Talmud entschieden ablehnten.

Viele Gräber in Weißensee seien regelrechte „Prunkbauten“. Sie wichen ab von den traditionellen jüdischen Vorstellungen eines schlichten Grabsteins, der die Gleichheit aller Menschen im Tode symbolisiert. Insbesondere Mitglieder des vermögenden jüdischen Bürgertums wollten demnach in dieser Zeit genau wie christliche Zeitgenossen ihren Reichtum und ihre gesellschaftliche Position über ihren Tod hinaus zur Schau stellen. Diese offensichtliche Missachtung religiöser Vorschriften zeige deutlich, „dass viele Mitglieder der jüdischen gehobenen Mittelschicht sich selbst kaum noch über ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft definierten“.

Das opulente Grabmal Kempinkskis sticht hierbei laut „ar.se.n.“ besonders hervor. Nach der Sanierung soll es nun wieder in altem Glanz erstrahlen. Wann das sein wird und wie lange das schwarze Kissen Kempinskis Gesicht noch bedecken wird, konnte die Friedhofsverwaltung allerdings nicht genau sagen.

Foto: Ron Golz

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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