Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.11.2018 von Christian Hönicke

Bertolt Brecht lebte einst im Bezirk, genauer in Weißensee.

Die Gründerzeitvilla in der heutigen Berliner Allee 185 am Ostufer des Sees war von 1949 bis 1953 sein Zuhause (Foto siehe Kiezkamera). An der klassizistischen Fassade ist die alte Inschrift „Brecht Haus Weißensee“ erhalten geblieben.

Vor dem Ersten Weltkrieg befand sich darin das Ausflugslokal „Zum deutschen Zelt“ mit Biergarten, in den späteren DDR-Jahren zog ein Club der Volkssolidarität ein. In der Wendezeit war das Haus geschlossen. Ein 1990 gegründeter Kunstverein erkämpfte eine Nutzung der Villa als Veranstaltungsort für Lesungen und Konzerte. Das Kulturamt des Bezirks erhielt Büros im Haus.

Nach der Rückübertragung der Immobilie an die Erben früherer Besitzer und ihrem Verkauf an neue Eigentümer schlossen sich vor etwa 15 Jahren die Türen für die Öffentlichkeit. Die neuen Bewohner haben eine Hecke davor wuchern lassen. Der Journalist Michael Bienert widmet der Villa nun ein eigenes Kapitel in seinem Buch „Brechts Berlin“, das in dieser Woche im Pankower „Verlag für Berlin-Brandenburg“ erscheint (200 Seiten, 25 Euro, mehr Infos hier).

Herr Bienert, warum verschlug es Brecht überhaupt nach Weißensee? Im Frühjahr 1949 wurde in Ost-Berlin das Berliner Ensemble gegründet. Die Intendantin Helene Weigel und Brecht als künstlerischer Leiter brauchten ein Dach über dem Kopf. In der kaputten Stadt herrschte Wohnungsnot, das Wohnungsamt Weißensee wies ihnen 1949 die Villa in der Berliner Allee 190 (heute 185) zu.

Wie hat Brecht dort gelebt? Eher provisorisch mit alten Möbeln eingerichtet, privilegiert, aber im Bewusstsein, dass es den meisten Berlinern viel schlechter ging. Zeitweise haben Anna Seghers und Max Frisch als Gäste im Haus gewohnt. Regelmäßig spazierte Brecht um den Weißen See, um den Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski zu besuchen, der in der Parkstraße 94 wohnte. Der lieh Kriminalromane an Brecht aus, im Gegenzug schenkte ihm Brecht Zigarren.

Wie wichtig war das Kapitel Weißensee mit Blick auf Brechts Biografie? Das war schon eine enorm bewegte Zeit: Das Berliner Ensemble wurde zu einer Institution aufgebaut, die Akademie der Künste neu gegründet, die Stalinallee errichtet. Überall hat sich Brecht eingemischt und mit seinem Eigensinn Widerstände provoziert. Auch der 17. Juni 1953 fällt in die Zeit in Weißensee. Der Arbeiteraufstand war ein schwerer Schlag für Brecht, er hat sich zwar öffentlich mit der DDR-Führung solidarisiert, wurde aber von Schuldgefühlen und Alpträumen gequält.

Hat er sich am Weißen See wohlgefühlt? Bedingt. Einerseits gefiel ihm die neue Bleibe: „Zurückgekehrt aus fünfzehnjährigem Exil / Bin ich eingezogen in ein schönes Haus.“ Doch das Gefühl des Exilanten, an keinem Ort ganz sicher zu sein, blieb: „Immer noch / Liegt auf dem Schrank mit den Manuskripten / Mein Koffer.“ Um die Zeit gab es zudem mal wieder eine Ehekrise, ausgelöst durch Brechts Affären am Berliner Ensemble. Schließlich zog Helene Weigel mit der Tochter Barbara aus und Brecht fühlte sich in Weißensee mutterseelenallein. Näher am Theater, in der Chausseestraße 125, fand das Paar dann wieder zusammen. Dort, im Brecht-Weigel-Museum, ist auch Mobiliar aus der Weißenseer Zeit zu besichtigen.

In welchem Zustand ist das Haus in Weißensee heute? Jämmerlich! Nach der Wende war es ein paar Jahre Sitz des Kulturamtes und Ausstellungshaus, dann wurde die Immobilie an Alteigentümer rückübertragen und weiterverkauft. An politischem Willen, das Haus als Kulturstandort zu sichern, hat es damals gefehlt. Das Anwesen ist zwar vermietet, wirkt aber so ungepflegt, als warte der Eigentümer nur darauf, es abzureißen und was Lukrativeres hinzustellen. Dass die Villa ein eingetragenes Baudenkmal ist, scheint völlig egal zu sein.

Foto: Bertolt-Brecht-Archiv

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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