Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.11.2018 von Christian Hönicke

Die Geschichte um die verschwundenen Briefe an ihren jüdischen Vormieter Isak Binder, die Elisabeth Peter 1987 in ihrer Wohnungstür fand, hat große Anteilnahme bei Ihnen gefunden (den Artikel finden Sie hier). Unter den Zuschriften war auch eine unseres Lesers Karl Tietze. Er konnte den „alten Mann aus New York“ identifizieren, dessen Eltern einst im Haus von Frau Peter eine Milchhandlung betrieben. Dabei handelte es sich um Joseph Lautmann, genannt „Jossel“, der sich selbst stets als „meine Wenigkeit“ bezeichnete. Einen Text über ihn finden Sie auch auf der Website der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und hier können Sie sogar seine Stimme hören.

Im Jahr 2000 nahm Herr Tietze an einer Führung von Lautmann durchs Scheunenviertel (Foto) teil. Er verfasste damals eine kleine Geschichte über die Begebenheit, in der Lautmann seine Vergangenheit und die des Scheunenviertels rekapitulierte. Sie entführt uns unmittelbar in das jüdische Berlin der Vorkriegszeit:

„Wir standen am Eingang zu den Hackeschen Höfen in der Rosenthaler Straße und warteten auf Joseph Lautmann. Hier zwischen Almstadtsraße und Hackeschem Markt, zwischen Linien- und Münzstraße ist er auf­gewachsen, und davon wollte er uns erzählen. Touristen drängten sich in die Höfe und wollten sich das neue Berlin ansehen. Und dann endlich löste sich aus dem Menschengedränge ein klein gewachsener, grauhaariger Mann. Wir liefen neben Lautmann durch die Straßen und er erzählte. Scheunenviertel, das Leben der Ostjuden, Betstuben und koschere Re­staurants. Als die Almstadtstraße noch Grenadierstraße hieß und die Max-Beer-Straße noch Drago­nerstraße und das Jüdische Volksheim noch Zulauf hatte und in der Almstadtstraße fast vierzig Betstuben zu fin­den waren, da verlebte Joseph seine Kindheit und Jugend hier.

Joseph Lautmann wurde 1916 in der Dragonerstraße geboren. Wie viele der Bewohner zwischen Hirten- und Alter Schönhauser Straße, zwischen Schendelgasse, Mulack­straße und Münzstraße, also dem früheren Scheunenviertel, waren auch seine Eltern Ostjuden. Hier in der Nähe der schon im 17. Jahrhundert vorhandenen jüdischen Einrichtun­gen wohnten die durch Pogrome und Armut vertriebenen Juden aus „Russisch-Polen“, aus dem Gebiet zwischen Warschau und Lodz und Krakau und aus dem Inneren Russlands als Kleinhändler, Handwerker und Arbeiter. Vielen war der große Sprung nach Amerika nicht geglückt. Nicht an den Kais von Manhattan, sondern auf dem Schlesischen Bahnhof endete ihre Reise.

Die Eltern Josephs, gläubige Juden, betrieben in der Dragonerstraße 12 einen Laden für Milchprodukte „en gros und en détail“. Lautmann führt uns dorthin. Das Haus gab es noch, Ende des 19. Jahrhundert gebaut mit einem Torweg, von dem auch ein Zugang zum Laden führte. Wer abends oder am Sonntag noch etwas brauchte, benutzte trotz regelmäßiger Öffnungszeiten diesen Eingang und wurde bedient. Neben der Ladentür stand auf dem Putz in großen schwarzen Buchstaben geschrieben, was es zu kaufen gab: Butter, Milch, Käse – alles koscher.

Joseph wurde regelmäßig in die Brunnenstraße zur Molkerei geschickt, um sicher zu sein, dass für die Milch nur die Gefäße der Handlung Lautmann benutzt wurden. Dort in der Brunnenstraße standen 30 Kühe, im Sommer roch es nach frischem Gras und im Winter nach Heu. Und nicht ohne Stolz bemerkte Lautmann, dass selbst die Firma Tietz von Lautmanns mit ko­scheren Milchprodukten beliefert wurde. Recht einträglich muss das en-gros-Geschäft seines Vaters gewesen sein. Für einen günstigen Skontosatz verteilten die Lieferan­ten die Ware, zum Beispiel ein Waggon Zucker, direkt an die Verbraucher, an das Restaurant in der Dragonerstraße oder den Bäcker in der Grenadierstr.

Der Großvater, ebenfalls ein strenggläubiger Jude, wohnte in der Grenadierstraße 29, in die die Lautmanns auch zunächst gezogen waren. Er lebte vom Geldwechselgeschäft und genoss bei den Banken großes Ansehen. Eines Tages erschien in einer Tageszeitung ein Bild des Großvaters, einen typischen Ostjuden mit Bart und Schläfenlocken wollte man zeigen. Joseph entdeckte das Bild in einer Kaffeehauszeitung, riss es heraus und brachte es nach Hause. Der Großvater wies das weit von sich, nein das wäre er nicht, ein orthodoxer Jude lässt sich nicht abbilden. Nur einmal war das nicht zu vermeiden: Für seinen Pass brauchte auch der Großvater ein Foto.

Joseph Lautmanns Onkel betrieb in der Grenadierstraße in einem der vielen Kellerlokale das Sortieren von Lumpen und den Handel mit Textilien. In Haufen lagen dort Wolle, Baumwolle und gebrauchte Kleidung, um dann an einen Großhändler weiterverkauft zu werden. Der Schuster Wilhelm Vogt, der selbst ernannte Hauptmann von Köpenick, hatte hier Teile seiner Uniform erstanden, so Lautmann. Joseph erinnert sich, dass der Onkel mehr im Himmel als auf Erden lebte. Denn wenn er nur konnte, ließ er seine Arbeit im Stich, um eine der vielen Bet­stuben – in manchen Häusern gab es drei Stuben – zum Gebet oder zum Lesen der Thora aufzusuchen. Es war meist die Grenadierstraße 1, wo ein berühmter Rabiner residierte. Die eifrige Frömmigkeit vertrug sich nicht immer mit den Pflichten des Onkels, und wenn die Tante nicht so tüchtig gewesen wäre – sie betrieb den Handel – hätte es für die drei Kinder schlecht ausgesehen.

Zur Schule ging Joseph Lautmann in der Großen Hamburger Straße. Jeden Morgen lief er mit zwei Milchkannen in der Hand die Grenadierstraße hinunter, die er dann den Kunden seines Vaters vor die Tür stellte. Die Grenadierstraße war der Mittelpunkt des Viertels, stets wimmelte es, besonders an Sonntagen, von Menschen, die hier Handel trieben und kauften, Juden liefen im Kaftan vorbei, vielleicht war ein durchrei­sender Rabbiner dabei, und an manchen Wochentagen früh morgens reihten sich Pferdewagen die Straße entlang, es waren Bauern der Umgebung, die zum Alexan­derplatz auf den Markt fuhren.

An der Essigfabrik Heinn und der Geflügelhandlung Marilos vorbei stieß er am Ende der Grenadiertraße auf die Münzstraße. Die Münz­straße war schon immer Kinostraße, denn 1899 eröffnete Pritzkow hier das erste Kino, gegenüber die Bio-Lichtspiele, ein Tageskino, daneben im ersten Stock Ber­ger’s Wiener Restaurant. In der Schulpause gab es bei der Witwe Berger Kuchen und im Lokal nebenan, dem „Pappelbaum“ Eis und im Winter Gänse zu kaufen. Der Uhrenladen von Brauchstätter an der Ecke war samstags, am Sabbat, geschlos­sen. Gegenüber das Schuhgeschäft Bernhard und unübersehbar Bötzows „Münz­glocke“, ein bekanntes Lokal der Unterwelt, vor dem auf offener Straße auch Schwarzhandel betrieben wurde.

Josephs Schulweg führte weiter in die Neue Schönhauser Straße und die Rosenthaler Straße bis zu den Hackeschen Höfen. Kleingewerbe und insbesondere Konfektionsbetriebe – „Zwischenmeister“ – erinnert sich Lautmann, waren hier zu finden. Den Schüler interessierte mehr das Haus des Jüdischen Wanderbundes am Monbijou-Park gegenüber. Hier hatte er sein Ziel fast erreicht, von der Oranienburger Straße bog er rechts in die Große Hamburger und da war das große Schulgebäude schon zu sehen, 800 Knaben wurden dort zeitweise unterrichtet und wir wissen, dass es über 1000 Jungen und Mädchen waren, als die Nazis ein Schulverbot für alle jüdischen Kinder verhängten.

Die Turnhalle lag zum alten jüdischen Friedhof, mit Joseph Lautmann tauchten wir in den Schatten der al­ten Bäume. Er übersetzte uns die hebräische Inschrift auf dem Grabstein Moses Mendelssohns, „der Hofjude Friedrich des Großen“, wie Lautmann meinte. Und das jüdische Altersheim zwischen Friedhof und Schule? Daran konnte sich Josef Laut­mann nicht mehr erinnern. Die Nazis hatten hier die jüdische Bevölkerung zum Ab­transport zusammengetrieben und dann das Gebäude zerstört.

Noch eine andere Schule musste Lautmann regelmäßig besuchen. Jeden Samstag führte sein Weg in die Grenadierstraße 31 zur Talmud-Schule. Joseph spielte lieber Fußball mit seinen Freunden, aber nicht oft hat er sich dazu überreden lassen, denn schon wenn er zu spät zum Unterricht kam, wurde sein Vater sehr böse. Übers Jahr lasen die Schüler die Thora und am Ende wurde das Laubhüttenfest gefeiert. Als Lohn für die Mühen konnte sich dann Joseph mit dem Bau der Hütten vergnügen, er wusste, wie viel Eierkisten er benötigte und wo er die Zweige herholte für das Dach. Durch das konnte man den Himmel sehen, denn die Laube, nur von kurzem Bestand, war das Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens.

Zu einer weiteren jüdischen Bildungseinrichtung führte uns Lautmann, in die Max-Beer-Straße 5 (damals Dragonerstraße 22), dem Jüdischen Volksheim. Zwei junge Leute ließen uns in den Torweg – nichts schien sich geändert zu haben, seit dem Joseph sich dort zu Vorträgen und belehrenden Gesprächen mit seinem Vater eingefunden hatte. Eine Bildungseinrichtung, so etwas gäbe es dort jetzt auch, meinte der junge Mann. Und wem hat Lautmann damals zugehört? Er erwähnt Egon Kisch, Franz Kafka, Mischket Liebermann, Arnold Zweig und Scholem Aleichem, Martin Buber und Max Brod waren auch dort. Bis 1929 gab es das Volksheim, da war Josef 13 Jahre alt.

Wir gingen weiter bis zur Ecke Schendelgasse. Lautmann erinnert sich: Hier war die Apotheke von Goldmann, das Restaurant Süßapfel und Gotzler’s Fischhandlung. Und dann standen wir vor einem sorgfältig restaurierten Eckhaus. So schön hatte es Lautmann noch nie gesehen. Hier war eine Kneipe, erinnert er sich, in der zuerst Kommunisten verkehrten, dann aber machte sich die SA dort breit und benutzte sie als Sturmlokal, das bedeutete, von hier machten die Nazis Jagd auf Juden.

Joseph Lautmann hatte noch nicht viel über die Nationalsozialisten gesagt, und doch hatte er sie erlebt. Noch nicht bewusst 1919 die blutigen Handgemenge in der Grenadierstraße, aber das Pogrom 1923 im Scheunenviertel schon als Siebenjähriger, und als 1928 Joseph Goebbels in den Sophiensälen seine Kampfreden hielt, da war er schon dabei. Als die Nazis an die Macht kamen war Josef Lautmann 17 Jahre alt. 1936 verließ sein Vater Deutschland, sein Bruder und eine Schwester wenig später. Er selbst floh 1938 im Alter von 22 Jahren. Eine Schwester blieb, sie wurde 1942 im KZ ermordet. Joseph Lautmann kam nach Deutschland zurück. „Meine Wenigkeit“, wie er sich die ganze Zeit bezeichnete hatte, er und sein Leben – nein, eine Wenigkeit war das nicht.“

Vielen Dank an Herrn Tietze für diese eindrückliche Schilderung. Joseph Lautmann starb ein paar Jahre darauf, 2005.

Foto: Bundesarchiv/Buch, P., ADN – Zentralbild (Bild 183)

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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