Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.01.2019 von Christian Hönicke

Pankow wächst (siehe Newsletter-Intro). Nicht nur in der schieren Anzahl der Menschen, auch in der Fläche. Zumindest inoffiziell kommt ein neuer Stadtteil hinzu: das neue Quartier „So Berlin“. Dabei handelt es sich um die 706 Wohnungen, die im nördlichen Mauerpark von der Groth-Gruppe errichtet werden. Knapp 600 Wohnungen sind bereits bezogen, darunter die im Riegel entlang der Ringbahn, der von der Gesobau vermietet wird. Nur am Mietblock an der südlichen Schwedter Straße wird noch gebaut. Der soll bald an einen Pensionsfonds oder ähnliches verkauft werden, der dann ab dem 1. Mai Verwaltung und Vermietung übernimmt.

Warum uns das in Pankow interessiert? Offiziell stehen die Häuser schließlich im Bezirk Mitte, Ortsteil Gesundbrunnen. Der Bauherr wirbt allerdings lieber mit den Vorzügen des glamourösen Mitte-Teils von Mitte und des angrenzenden Prenzlauer Bergs wie den Einkaufsmöglichkeiten in den Schönhauser Allee Arcaden. „Für Liebhaber des individuellen Angebots gibt es zahlreiche charmante Ladengeschäfte mit viel Liebe zum Detail“ – auch das dürfte sich kaum auf die Lotto-Läden im Brunnenviertel beziehen (wobei: nichts gegen die!).

Die neuen Bewohner dürften sich im Zweifel eher als Prenzlauer Berger begreifen. Vor allem jene, die eine der 111 Eigentumswohnungen ergattern konnten (ab 4.392 Euro/m², alle längst verkauft, werden gerade bezogen). Und das ist nicht ganz unproblematisch, gerade was die Kita- und Schulplatzversorgung betrifft. Die ist in Prenzlauer Berg notorisch angespannt. Zwar wurde im neuen Quartier eine Kita errichtet, die schon den Betrieb aufgenommen hat. Doch die Schulfrage dürfte heikel werden.

Für das neue Viertel am Mauerpark wurde einst ein Bedarf von zusätzlichen 68 Grundschulplätzen ermittelt. Das halten Experten bei 706 Wohnungen für knapp kalkuliert. Dennoch hat der Senat damals auf die Schaffung neuer Schulplätze verzichtet, die zumindest heute nach dem kooperativen Berliner Baulandmodell Voraussetzung für ein solches Quartier wären. Im Bebauungsplan hieß es dazu nur: „Die (…) Nachfrage nach Leistungen der sozialen und schulischen Infrastruktur kann in bestehenden Einrichtungen im Umfeld abgedeckt werden.“

Tja, aber was ist nun das „Umfeld“? Die offizielle Einzugsgrundschule des neuen Quartiers ist die Rudolf-Wissell-Grundschule in der Ellerbeker Straße in Gesundbrunnen. Sie ist für die Kleinen nicht nur extrem umständlich zu erreichen, weil sie auf der anderen Seite der Ringbahn liegt. Sie versorgt vor allem den östlichen Soldiner Kiez, der als „soziales Brennpunktgebiet“ gilt. Der Anteil an Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache liegt seit Jahren bei rund 85 Prozent.

Angesichts dieser Statistiken darf man davon ausgehen, dass viele der neuen Bewohner ihre Kinder eher in Prenzlauer Berg unterbringen würden. Verführerisch nah liegt die Grundschule am Falkplatz, auch die Pfefferwerk-Grundschule und die beliebte Thomas-Mann-Grundschule sind nicht weit entfernt. Doch Pankows Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) macht schon mal im Voraus unmissverständlich klar: „Was das neue Wohn-Quartier am Mauerpark betrifft, so stellt die Bezirksgrenze zwischen Mitte und Pankow auch die Grenze der Einschulungsbereiche dar. Insofern wird die ‚Wohnort-Schule‘ im Bezirk Mitte liegen.“

Die Grundschule am Falkplatz sei bereits jetzt eine der größten Pankower Grundschulen, „so dass hier grundsätzlich keine zusätzlichen 1. Klassen eröffnet werden können“. Auch Schummlern macht Kühne wenig Mut. Das Problem der „Scheinanmeldungen“ sei ihm bekannt, „es kommt gelegentlich vor, lässt sich aber in Verdachtsfällen durch weitere Recherchen verhindern“.

Bei der Kita-Anmeldung sind solche Tricks nicht nötig, die ist bezirksübergreifend möglich. Auch hier ist Pankow aber zumindest alarmiert. „Wir können nicht die Kitaentwicklungsplanung für Mitte mitmachen“, sagt Pankows zuständige Bezirksstadträtin Rona Tietje (SPD), aber die 80 Plätze der quartierseigenen Kita „sind aus unserer Sicht ein bisschen knapp bemessen. Dadurch ist eine gewisse Gefahr da, dass sich viele ausschließlich in Richtung Prenzlauer Berg orientieren“.

Wenn sich langfristig abzeichne, dass dadurch ein Brennpunkt entstehe, „könnte es schwierig werden, denn hier kann man keine neuen Gebäude für Infrastruktur mehr hinstellen“, so Tietje. Man müsse deshalb noch einmal gemeinsam mit Mitte überlegen, „was man tun kann, um die Versorgung in der Region sicherzustellen“. Allerdings sei die Anzahl an Kleinkindern in vielen Teilen Prenzlauer Bergs in den letzten zwei, drei Jahren gesunken, „man muss sehen, ob das eine Trendumkehr ist“. Wenn ja, würden Kapazitäten in den angrenzenden Kitas frei.

Heißt also: Ein-Kind-Politik für Prenzlauer Berg, dann reicht’s auch für alle. Bedanken können wir uns dafür beim Senat. Na dann, auf fruchtbare Nachbarschaft!

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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