Nachbarschaft
Veröffentlicht am 24.01.2019 von Christian Hönicke
Adolf Wermuth bekommt wohl doch eine späte Ehrung. Vor kurzem berichteten wir über Groß-Berlins vergessenen Vater. Als Oberbürgermeister der Stadt hatte er 1920 nach Einschätzung von Experten entscheidenden Anteil an der Vereinigung des alten Berlins mit dem Umland und der Bildung der Metropole, wie wir sie heute kennen. Dennoch wurde sein Grab im Pankower Ortsteil Buch bisher noch nicht einmal auf die Liste der Ehrengräber des Landes Berlin gesetzt – zwei Anträge der Evangelischen Kirchengemeinde Buch wurden von der Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters abgelehnt. Angeführt wurden formale Gründe – Wermuth sei der breiten Bevölkerung zu unbekannt.
Der Artikel fand bei der Leserschaft großen Anklang. Privatpersonen und Vereine meldeten sich bei der Bucher Pfarrerin Cornelia Reuter und boten an, Wermuths Grab zu pflegen respektive aufzuhübschen. Doch Reuter versucht es noch einmal auf dem offiziellen Weg. Und stößt auf offene Ohren: Berlin will seinen wichtigsten Geburtshelfer nun doch würdigen.
Mit dem soeben eingereichten neuerlichen Antrag der Evangelischen Kirchengemeinde wolle man sich vor dem Hintergrund des bevorstehenden 100-Jahr-Jubiläums von Groß-Berlin „gerne befassen“, teilte ein Sprecher der Senatskanzlei mit. Der Antrag würde zusammen mit anderen der zuständigen Fachverwaltung zur Begutachtung vorgelegt. Im Falle eines positiven Bescheids würde die Anerkennung als Ehrengrabstätte per Senatsbeschluss erfolgen.
Auch innerhalb der Senatskanzlei hat sich dabei nun offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass Wermuths Verdienste um Berlin bisher nicht ausreichend gewürdigt wurden. „Ohne Adolf Wermuths beharrliche und kompetente Art wäre die Bildung Groß-Berlins wahrscheinlich nicht gelungen“, erklärte die Senatskanzlei. „Diese Einschätzung dürfte auch seiner Beurteilung durch die Historikerschaft entsprechen.“
Wermuths Positionierung gerade als parteiloser Spitzenpolitiker habe mit dazu beigetragen, „vor allem durch Sachargumente und Diplomatie die nahezu unüberschaubare Zahl divergierender Interessen zusammenzuführen und mit allen Beteiligten diese neue große Struktur gemeinsamen durchzusetzen“. Diese Leistung sei „bahnbrechend und richtig“ gewesen. Wermuths Anteil daran wolle der Senat auch im Zuge des 100. Geburtstags von Groß-Berlin darstellen: „Natürlich werden Adolf Wermuths Rolle und Verdienste um Berlin im Jubiläumsjahr 2020 auch beleuchtet werden.“ Wie genau, werde aktuell erörtert.
Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de