Nachbarschaft

Veröffentlicht am 31.01.2019 von Christian Hönicke

Pankow ist kinderfeindlich. Zu dieser Erkenntnis kommt Claudia Neumann. Sie ist nicht nur Diplom-Ingenieurin für Stadt- und Regionalplanung, sondern auch Referentin für „Spiel und Bewegung“ beim Deutschen Kinderhilfswerk. Die 39-Jährige sagt: In Pankow stimmt die Flächengerechtigkeit nicht. Kinder hätten „einfach zu wenig Platz“. Das sei in ganz Berlin so, in Pankow aber besonders prekär. Der Personal- und Ressourcenmangel für Spielplätze im Bezirk sei geradezu „eine Katastrophe“.

Verantwortlich dafür seien vor allem der Berliner Senat und Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), so Neumann: „Wenn es trotz Bedarfs die Personalstellen und die Mittel vom Senat nicht gibt, ist das ein Armutszeugnis.“ Der Bezirk müsse dort weiter Druck machen, „es kann wirklich nicht sein, deshalb nun einen Spielplatz nach dem anderen dicht zu machen“.

  • (Der Text stammt aus dem Pankow-Newsletter des Tagesspiegel – den können Sie kostenlos und komplett lesen unter leute.tagesspiegel.de.)

Neumann regt allerdings auch ein neues Verständnis für Spielplätze in den Bezirken an. Man müsse günstiger und pflegeleichter bauen. „Wir müssen uns dabei fragen: Wo können wir jenseits von Spielplätzen Spielraum schaffen? Das können temporäre Spielstraßen sein, Gehwege.“ Auch geöffnete Schul- und Kita-Gelände, geöffnete Parks, Sportplätze, Stadtplätze, Supermarktparkplätze.

Und hier das ausführliche Interview mit Claudia Neumann (Foto: Cindy u. Kay Fotografie):

Frau Neumann, was tun Sie als Referentin für „Spiel und Bewegung“ beim Deutschen Kinderhilfswerk? Wir machen Lobbyarbeit für das Recht auf Spiel in Deutschland. Es geht darum, dass Kinder Raum und Zeit zum Spielen haben. Das ist leider vielerorts nicht so.

Gerade das Freispiel ist unter großen Druck geraten. Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder beim Spiel auch etwas lernen. Das ist ja das Schlimme. Spielen ist zweckfrei, hat freie Regeln und erfolgt selbstbestimmt. Was, wann, wo und mit wem kann das Kind entscheiden. Jedes Kind hat ein Recht auf Spielen. Es kann auch in die Luft gucken und sich langweilen, wenn es das will. Alles, was einem Zweck untergeordnet ist, ist eigentlich gar kein Spiel. Auch das sogenannte spielerische Lernen ist eben genau das: ein Lernen, das dem Kind als Spiel verkauft wird. Man soll aber nicht spielen, um zu lernen – Kinder lernen nebenbei.

Warum ist Freiraum zum zweckfreien Spielen so wichtig? Kinder brauchen das zweckfreie Spiel, um sich die Welt anzueignen, den eigenen Körper auszutesten. Wie schnell kann ich rennen, wie hoch kann ich klettern, wie schnell friert diese Pfütze zu? Das lernt ein Kind am ehesten unbewusst durchs Spielen. Es ist wichtig, dass das Kind selbst seine Neugierde durch das Spiel befriedigen kann. Das immer so aufzudrängen, da verkennt man völlig den Wert des Spiels.

Drängt sich auch ein gewöhnlicher Spielplatz auf? Mit Rutsche, Kletterturm, Trampolin, Schaukel… … das Wipptier nicht zu vergessen. Ich würde sagen: bedingt. Weil das Kind immer noch frei entscheiden kann. Aber der normale Spielplatz gibt sehr viel vor – oftmals zu viel. Er lässt zu wenig Freiraum und Interpretationsspielraum. Das sehen Sie an der klassischen, langweiligen Rutsche. Die bietet kaum Möglichkeiten: Man kann hochklettern und runterrutschen. Kinder eignen sie sich deshalb häufig an, indem sie andersherum hochklettern, Sand runterrieseln lassen oder mit einer Plastiktüte herunterrutschen.

In Bezirken wie Pankow sind viele Spielplätze wegen baufälliger komplizierter Geräte gesperrt. Elterninitiativen setzen sich dafür ein, sie zumindest als Freifläche wiederzueröffnen. Reicht eine Freifläche nicht sogar zum Spielen? Eine Wiese zum Toben, auf der man machen kann, was man will, ist besser als ein gesperrter Spielplatz. Und auch besser als ein völlig durchmöblierter Spielplatz, der keine Freiräume lässt. Da kann man nur wie im Zirkeltraining einmal alles durchprobieren. Aber wenn gar keine Struktur ist, kein Kletterbaum, kein Bachlauf, keine Mauer, auf der man balancieren kann, dann fehlen Kindern umgekehrt auch Herausforderungen.

Wie sieht die Situation auf Berliner Spielplätzen aus? Berlin ist das einzige Bundesland in Deutschland mit einem Spielplatzgesetz. Das setzt einen Quadratmeter Spielplatz pro Einwohner an. Da kann man sich streiten, ob das reicht, aber es ist ein Anfang. Das Problem ist, im Berliner Durchschnitt schaffen wir davon nur 70 Prozent. Es gibt Bezirke, die schaffen mehr, Pankow etwa schafft viel weniger.

Woran liegt das? Es ist eine Frage der Flächengerechtigkeit. Das sieht man auch in Pankow beim Streit um die temporäre Spielstraße in der Gudvanger Straße, wo die Anwohner etwas dagegen hatten, dass Kinder für ein paar Stunden dort spielen dürfen. Dabei brauchen wir solche Ansätze, gerade in der engen Innenstadt. Auch private Wohnungseigentümer müssen wir stärker in die Pflicht nehmen.

Wie meinen Sie das? Bei mehr als drei Wohneinheiten müssen Eigentümer wohnungsnahe Spielflächen schaffen, das steht in der Bauordnung. Da gibt es aber bundesweit ein enormes Vollzugsdefizit, auch in Pankow. Oftmals wird das bei der Bauabnahme gar nicht mehr kontrolliert. Und selbst wenn, sind diese Flächen häufig kurz darauf verschwunden. Die Kommunen haben gar nicht das Personal, das zu kontrollieren. Das ganze Netz an Spielmöglichkeiten für Kinder wäre da – ist es aber nicht.

Woran liegt das? Kinderspielplätze haben nicht so eine starke Lobby wie die Auto- oder die Bauindustrie. Doch wir müssen unser Verständnis von Spielplätzen ändern. Das ist ja nicht nur was für Kinder, das sind grüne Oasen in der Stadt, auch für die Oma, weil sie woanders gar keinen Platz mehr im Kiez findet. Diese Inseln brauchen wir in der Stadt. Deswegen darf kein Spielplatz einfach aufgegeben werden, auch wenn der demografische Wandel in einem Stadtteil einsetzt und es weniger Kinder werden. Den Kommunen kann ich nur raten: Gebt die Flächen nicht auf – wenn die bebaut sind, bleiben sie bebaut. Das sind Filetstücke in der Innenstadt, die sind begehrt.

Was soll man sonst damit tun? Man kann ihn zurückbauen, eine Wiese für alle gestalten, einen Generationentreffpunkt, eine neue Kiezinsel. Wenn man einen Spielplatz als Raum betrachtet, der für alle da ist, dann ist die Lobby auch größer.

Was bringt ein Spielplatz einer Kommune? Viel. Gerade klamme Kommunen denken sich: Ein Spielplatz bringt kein Geld, der kostet nur. Das ist leider keine Pflichtaufgabe der Kommunen, wie der Straßenbau oder die Beleuchtung. Gerade, wenn es knapp ist, wird bei den Spielplätzen deshalb als erstes gekürzt. Aber wenn Kinder nicht spielen und sich bewegen können, haben wir Folgeschäden wie Bewegungsmangel, Konzentrationsstörungen, Haltungsschäden, Adipositas. ADHS sind vielfach nicht ausgelastete Kinder. Wenn man das hochrechnen könnte, wäre das enorm.

Das Bezirksamt Pankow sagt, ihm würde vor allem Personal zur Instandhaltung fehlen. Das ist eine Katastrophe. Wenn es trotz Bedarfs die Personalstellen und die Mittel vom Senat nicht gibt, ist das ist ein Armutszeugnis. Daran sieht man, welchen Stellenwert das hat. Die BVV hat ja jetzt eine Spielplatzinitiative beschlossen, aber wenn das kein Lippenbekenntnis sein soll, müssen nun auch Mittel freigemacht werden. Man sagt, Kinder sind unsere Zukunft, aber sie sind auch unsere Gegenwart, und dafür muss man etwas tun.

Was können wir tun? Vom Finanziellen abgesehen: Kinder haben in der Stadt einfach zu wenig Platz. Der Raum ist nicht gerecht verteilt, Kinder müssen viel zu oft zurückstecken. Wenn es darum geht, einen Parkplatz vor der eigenen Haustür für Kinder abzugeben, wird es schnell ganz eng, was man bereit ist, für unsere Kinder zu geben. Es gibt eine Autostellplatzsatzung, die gilt für jedes Neubauvorhaben. Aber keine Spielplatzsatzung – da fängt es schon an. Wenn schützenswerter Naturraum durch Baumaßnahme zerstört wird, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Das gilt nicht für Spielplätze.

Wie kann man mehr Raum für Kinder in der Stadt schaffen? Wir brauchen ein Netz mit verschiedenen Spielräumen im Quartier, die durch Wege verbunden sind. Wir müssen uns dabei fragen: Wo können wir jenseits von Spielplätzen Spielraum schaffen? Das können temporäre Spielstraßen sein, Gehwege. Auch geöffnete Schul- und Kita-Gelände, was in Berlin schwierig ist, woanders aber viel besser funktioniert. Geöffnete Parks, Sportplätze, Stadtplätze, Supermarktparkplätze. Kinder müssen überall spielen können, sie müssen sich das trauen dürfen.

Auch in verkehrsberuhigten Bereichen? Das Konstrukt verkehrsberuhigter Bereich funktioniert nicht. Die Autofahrer halten sich vielfach nicht an die Schrittgeschwindigkeit. Wir haben Tempomessungen vor dem Machmit-Museum in Prenzlauer Berg durchgeführt, viele rasen durch, auch Radfahrer. Dann trauen sich die Kinder nicht, und die Eltern lassen sie nicht, aus Angst. Das ist ein Teufelskreis, deshalb ist es kein gewohntes Bild, dort zu spielen. Da braucht man eindeutige Beschilderungen oder Temposchwellen, mit grafischen Mitteln, zum Beispiel in 3 D einen Balken auf die Straße zu machen. Wenn das alles nichts hilft, sind temporäre Spielstraßen wie in der Gudvanger Straße sinnvoll.

Dafür hat nun Bundesregierung den Weg freigemacht. Temporäre Spielstraßen seien durch die StVO gedeckt. Es gibt neben der Gudvanger Straße einige andere Initiativen in Berlin. Im Graefekiez wurde das letztes Jahr mehrfach getestet, immer als Demo angemeldet. Das ist wohl so erfolgreich gelaufen, dass das jetzt eine temporäre Spielstraße werden soll. Wir sind derzeit dabei, alle Initiativen zu vernetzen und zu schauen, was wir auf die Beine stellen können. Wir schauen auch nach Bremen. Da gibt es sieben temporäre Spielstraßen, die seit Jahren offiziell funktionieren und akzeptiert sind.

Wie wollen Sie den Widerstand dagegen eindämmen? Man muss kommunizieren, dass eine beruhigte Straße für alle toll ist. Die Erfahrungen in Bremen zeigen: Da gehen auch die Senioren mit dem Stuhl auf die Straße, wie in den südlichen Ländern. Es kommen Erwachsene mit Badmintonschlägern, junge Männer spielen Basketball.

Wie soll das praktisch gehandhabt werden? Die Straße wird gesperrt, da wird ein Zaun aufgestellt, am Eingang wird auch Wache gehalten. In der Gudvanger Straße etwa gibt es die Kita vom Drachenkinder e.V. direkt vor Ort, die würde sich darum kümmern. Auf Schildern stehen die Sperrzeiten. In Bremen werden am Tag vorher Stoffbanner aufgehängt, damit die Anwohner wissen, dass sie ihre Autos umparken müssen. Wenn ein Anwohner unbedingt durch muss, wird der auch durchgelassen. Das ist eine Frage der gegenseitigen Rücksichtnahme. Es geht dabei darum, den Straßenraum gerechter zu verteilen und die Dominanz des Autoverkehrs auf ein normales, verträgliches Maß zurückzudrängen. Früher konnte jeder die Straße nutzen, das hat sich irgendwann verselbstständigt, dass das nicht mehr so ist. Da muss man Lösungen finden.

Wie sollte ein klassischer innenstädtischer Spielplatz aussehen? Ein Standardkonzept bringt nichts. Es darf nicht alles gleich aussehen, wir brauchen Variantenreichtum. Einer ist naturnah, ein anderer actionreich, einer für besinnliches Spielen, einer zum Toben. Einer spricht ältere Kinder an, ein anderer jüngere.

Das Bezirksamt Pankow sagt, ein Spielplatz kostet zwischen 300.000 und 500.000 Euro. Wir sagen, es geht auch einfacher. Ich bin keine Fachplanerin, aber wenn man wenig Platz und Geld hat, kann ich vor allem zu einer naturnahen Modellierung raten. Wir hatten einen Modellspielplatz in Bochum, riesig groß, 2000 Quadratmeter für 75.000 Euro – inklusive Planungsleistung und Beteiligungsverfahren. Das geht, wenn man Bäume und Büsche einbezieht, das Gelände modelliert. Man braucht keinen teuren Rutschenturm, man kann einen Hügel aufschütten. Oder einen Weidentipi als Rückzugsort bauen, das muss nicht immer der große Kletterturm oder die Spielhütte sein. Ja, Kinder wollen balancieren – aber muss das immer die große Kletteranlage sein oder reicht nicht ein Baumstamm?

Also man kann deutlich günstiger bauen? Ja. Aber man sollte bei der Planung auch die Lebenszykluskosten einberechnen. Wenn der Pflegeaufwand zu hoch ist, nutzt ein günstiger Baupreis nichts. Man kann aber auch nicht erwarten, dass so etwas gar nichts kostet. Wir wollen nicht am falschen Ende sparen, es geht um unsere Kinder.

Wie sollte der Planungsprozess ablaufen? Es gibt viele Möglichkeiten, auf jeden Fall braucht man gute Fachleute – sonst wird es wieder nur ein teurer Standardbaukasten-Spielplatz. Kinder und Jugendliche müssen einbezogen werden, sonst gibt man ganz viel Geld aus und baut am Bedarf vorbei.

Sollten auch Elterninitiativen einbezogen werden? In Pankow erarbeitet der Verein „Kiezinseln“ gerade ein neues Spielplatzleitbild für den Bezirk. Es ist gut, wenn die Menschen Eigenleistung einbringen können. Die Leute packen mit an und werden sich auch später um die Plätze kümmern. Außerdem steigern sie die Kreativität. Man muss in den Ämtern von der klassischen Katalogware wegdenken. Es gibt schon tolle Sachen, die werden aber selten eingesetzt. Oft wird einfach nachbestellt, was man kennt. Dabei kriegt man günstig Materialien vom Bau- oder Forsthof, Baumstümpfe oder Betonröhren, man kann Dinge umnutzen und wiederverwenden. Dabei helfen die Bürger.

Lagert man damit nicht zu viel Verantwortung auf die Bürger aus? Man kann ihnen nicht alles überlassen, aber wenn Ressourcen knapp sind, ist das eine gute Möglichkeit. Die Kommunen sollten zudem Förderprogramme nutzen und im Zweifelsfall Sponsorengelder in Betracht ziehen. Da ist der Bezirk Spandau sehr erfolgreich. Der ruft bei den Spielplatztagen jährlich dazu auf, dass sich die Privatwirtschaft engagiert und beteiligt. Da sollte man die Scheu verlieren.

Kann Pankow davon lernen, wie Finanzsenator Kollatz empfiehlt? Vom Ideenreichtum sicher, aber auch dafür braucht man Leute, die das umsetzen. Pankow hat ja nicht nur zu wenig Spielplatzplaner. Der Bezirk hat im Moment auch keine hauptamtliche Kinder- und Jugendbeauftragte, die so etwas anschubsen oder Initiativen wie die „Kiezinseln“ unterstützen könnte. Frau Münch hat das jahrelang gemacht, da ist jetzt eine Leerstelle. Es ist eine ganze Kette, die in Pankow fehlt, der Bezirk erscheint mir besonders prekär. Aber es kann wirklich nicht sein, deshalb nun einen Spielplatz nach dem anderen dicht zu machen.

Wie kommt der Bezirk aus dieser Spirale heraus? Eine schwierige Frage. Es sind viele kleine Schritte, die man angehen muss. Gespräche mit dem Senat scheinen ein dickes Brett zu sein. Dennoch sollte man da dranbleiben. Eine Strategie wäre, nebenbei private Gelder reinzuholen. Und den Bürgerinitiativen sollte man möglichst wenig Steine in den Weg legen. Man darf ihnen nicht mit Bedenken den Wind aus den Segeln nehmen, sondern muss ihr Potenzial nutzen. Und gemeinsam groß und viel Lobby machen. Wenn man beim Berliner Senat nicht weiterkommt, dann muss man vielleicht eine Ebene höher auf Bundesebene Unterstützer suchen.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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