Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.08.2019 von Christian Hönicke

Conrad Kürzdörfer ist der erste bezirkliche Mobilitätsbeauftragte in Berlin. Seit Herbst 2018 arbeitet er im Pankower Stadtentwicklungsamt – im Bereich Koordination Infrastruktur-Standortentwicklung, kurz: KIS. Er soll dabei helfen, das Mobilitätsgesetz auch in der Praxis umzusetzen. „In Sachen Gesetzgebung ist Berlin vorn, keine andere Stadt in Deutschland hat ein Mobilitätsgesetz“, sagt der 43-Jährige. „Doch in der Umsetzung sind andere Städte weiter.“

Pankow will nun eigenständig seine Mobilitäts- & Verkehrsplanung modernisieren. Dafür soll Kürzdörfer eine „Mobilitätsberichterstattung“ im Bezirk installieren – im Rahmen des Forschungsprojekts MobilBericht, zusammen mit der TU Berlin und der TU Dresden.

Dazu wurde zunächst einmal eine umfangreiche Analyse im Bezirk durchgeführt. „Erstmals überhaupt nehmen wir den Status Quo und die Mobilitätsbedarfe querbeet in den Ortsteilen auf“, sagt Kürzdörfer. Man hat Pankow dazu in drei Zonen aufgeteilt: Innenstadt im Süden, Innenstadtrandgebiet in der Mitte und Stadtrandgebiete im Norden. „Wir haben untersucht, wie sich die Anwohner in den unterschiedlichen Ortsteilen bewegen. Was sie brauchen, wie sie sich versorgen, welche Wege sie dafür auf sich nehmen müssen und warum sie gewisse Wege nicht nutzen.“

Dabei habe man auch die Wünsche, Vorstellungen und Ideen der Bewohner zwischen Prenzlauer Berg und Buch aufgenommen. „Unter anderem wurden benachteiligten Gruppen im Verkehr wie Schüler und ältere Menschen in die Analyse einbezogen, denn die finden sich in der Verkehrsplanung bisher kaum wieder.“ Aber auch der Verkehrsfluss vor Ort, das subjektive Sicherheitsgefühl und die Belastungen in Form von Lärm und Abgasen für die Bewohner wurden aufgenommen. So sollen Stärken, Schwächen und Konflikte im Pankower Verkehr ausgemacht werden.

Die gewonnenen Daten werden derzeit aufbereitet. Sie sollen schließlich in den Mobilitätsbericht gegossen werden. Auf dessen Grundlage sollen neue Planungsinstrumente mit konkreten Handlungsempfehlungen entwickelt werden – Ziel sei ein dauerhaftes Mobilitätsmanagement.

Nicht nur Kürzdörfer weiß, dass sich für dauerhafte Verbesserungen aber der komplette Ansatz der Stadtplanung ändern muss. Die Baugesetzgebung ist immer noch auf die funktionsgetrennte Stadt ausgerichtet, indem sie bestimmte Gebiete ausweist, etwa für Wohnen oder Gewerbe. Dadurch aber entstehen zwangsläufig längere Wege und mehr Verkehr. Für den Bau von Straßen etwa gibt es in Berlin einheitliche Vorgaben, die dann von den bezirklichen Tiefbauämtern umgesetzt werden.

Das soll sich künftig ändern. Das Zauberwort lautet „integrierte Stadtplanung“. Die würde nicht nur die Straßenbreite, sondern alle Faktoren berücksichtigen, sagt Kürzdörfer. „Wir müssen uns fragen: Wie soll ein Stadtteil für den Verkehr und die Lebensqualität vor Ort nachhaltig gestaltet werden?“ Der integrierte Planungsansatz setzt auf eine Stadt der kurzen Wege und die Aufhebung der Funktionstrennung. Dafür brauche es eine noch intensivere Zusammenarbeit auf Bezirks-, aber auch auf und mit der Senatsebene, sagt Kürzdörfer.

In puncto bevorzugte Mobilitätsformen schlägt Conrad Kürzdörfer eine ganz klare Richtung ein: Reduzierung des Autoverkehrs zugunsten ökologisch verträglicherer und sozial gerechter Fortbewegungsarten. „Die Basis muss die Stärkung des Umweltverbunds sein“, sagt er. „Dazu gehören ÖPNV, Fahrrad, zu Fuß gehen und auch Sharingmodelle.“ Der Autoverkehr nehme sehr viel Platz in Anspruch, „das muss gerechter aufgeteilt werden. Auch Parken in der Stadt muss deutlich teurer werden. Die Leute müssen sich selbst ausrechnen, in wie weit das Auto noch Sinn ergibt.“

Kürzdörfer äußert aber auch Bedenken dagegen, dabei komplett aufs Rad zu setzen: „Es braucht ein großes Angebot. Es reicht nicht, wenn nur ein Verkehrsträger bevorzugt wird. Gerade der ÖPNV muss ausgebaut werden.“ Und zwar gerade in der Peripherie.

Den Mobilitätsbericht will das Forschungsteam im Sommer 2020 vorlegen. „Wir wollen aus dem Pankower Modellprojekt einen generellen Leitfaden entwickeln, um die Mobilitätsberichterstattung auch für andere Bezirke und Kommunen anwendbar zu machen“, sagt Kürzdörfer. In Pankow soll nach Abschluss des Projekts auch eine regelmäßige Mobilitätskonferenz eingeführt werden, zu der sowohl Bürger als auch externe Experten eingeladen werden.

Allerdings gibt es da noch ein Hindernis: Kürzdörfers Stelle ist zunächst bis 2020 befristet. Ganz schön wenig Zeit, um die Verkehrswende voranzutreiben. Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (B’90/Grüne) bemüht sich nach eigenen Angaben darum, die Stelle eines Mobilitätsbeauftragten dauerhaft einzurichten und zu finanzieren. / Foto: Thilo Rückeis

Text: Christian Hönicke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den – kompletten – Pankow-Newsletter gibt’s unkompliziert und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de.