Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.08.2019 von Christian Hönicke

Johannes Kraft ist der Fraktionsvorsitzende der CDU in Berlin-Pankow. Geboren 1977, lebt er seither im heutigen Bezirk Pankow – aktuell in Karow. Gemeinsam mit seinem Parteikollegen Dirk Stettner hat er ein Netzwerk aus 17 Vereinen und Verbänden initiiert, das sich gegen die Baupläne von bis zu 15.000 neuen Wohnungen im Norden Pankows ausspricht – dazu können Sie meinen Text hier im Pankow-Newsletter lesen. Und hier ein Interview.

Herr Kraft, wieso haben Sie das Bürgernetzwerk gegründet? „Ich bin Karower. Alt-Karower, ich kenne noch die Felder, wo jetzt Neu-Karow steht. Ich habe in den letzten Monaten und Jahren mit vielen Menschen in der Umgebung Kontakt gehabt, die von den Bauplänen betroffen sind. Mir ist dabei aufgefallen, dass viele nur auf sich geschaut haben. Aber die Einstellung „Bei uns nicht bauen, woanders gerne“ ist ein Problem. Die Ortsteile können so gegeneinander ausgespielt werden, von Verwaltung und Politik, das ist auch passiert. Dabei hängen die Gebiete miteinander zusammen und haben ähnliche Problemstellungen. Deswegen wollte ich sie zusammenbringen. Je größer die Basis ist, die da spricht, desto größer ist die Wirkung.“

Wann haben Sie die Initiative gestartet? „Im Juni haben wir uns mit einem Schreiben an 17 Vereine und Verbände im Nordosten gewandt. Alle haben Interesse signalisiert, Ende Juli haben wir uns zusammengesetzt. Und nun haben wir das Positionspapier beschlossen.“

Sie sind in der CDU. Die will viele Wohnungen bauen, auch in Pankow. Beißt sich das nicht mit Ihrer Initiative? „Wir sind da seit Monaten intensiv im Dialog mit der Landesebene der CDU. Ich kann da aber keine große Kontroverse erkennen. Wir sagen ja nicht, dass nicht gebaut werden soll. Wir wissen, dass gebaut werden muss, auch in Karow, Blankenburg, Buch oder Buchholz. Man muss aber darüber reden, wie viele Wohnungen es werden und in welcher Dichte.“

Sie fordern in Ihrem Positionspapier eine „ortsverträgliche Bebauung“, die sich an den dörflichen Strukturen orientiert. „Unser Eindruck ist, dass das überhaupt nicht berücksichtigt worden ist. Sondern dass irgendjemand, der noch nie hier war, sich im Kämmerchen überlegt hat: Die Fläche ist ja frei, da verläuft auch in der Nähe ein Gleis. Da können wir richtig was hinbauen. Aber man muss den Bestand und die Infrastruktur berücksichtigen. Sonst begeht man wieder die Planungsfehler der 90er. Damals wurden die Neubauten in Karow und Buchholz hochgezogen, und diese Viertel sind 25 Jahre später noch nicht mit den Ortskernen zusammengewachsen. Auch die Versprechungen zur Lösung der Verkehrsprobleme hat man nicht gehalten.“

Die Verkehrsplanung ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Der Senat lehnt die von Ihnen geforderten neuen S- und U-Bahnen ab – die würden Jahrzehnte dauern. „Klar, Neubaustrecken brauchen leider Jahrzehnte. Aber ich kann das deswegen doch nicht einfach ignorieren. Wir haben hier übervolle S-Bahnen und Dauerstau auf den Straßen, in denen auch die Busse und Straßenbahnen stehen. Wie soll das denn laufen, wenn nun noch zigtausende neue Anwohner dazukommen? Dazu gibt es keinerlei Konzept.“

Die Senatsverwaltung plant weiter mit der Tangentialverbindung Nord (TVN). „Diese Autotrassenplanung ist aus den 90ern und längst überholt. Trotzdem verweist man weiter darauf: Entspannt euch, die TVN kommt doch irgendwann. Auch der Turmbahnhof in Karow wird uns immer wieder angepriesen. Der soll aber wenn überhaupt erst 2036 stehen – Wohnungen bauen will man aber schon ab 2020. Die Vorgehensweise ist so wie damals: Man plant erst einmal irgendetwas vermeintlich Großes mit beeindruckenden Zielzahlen und will die Verkehrsproblematik später lösen. So geht das aber nicht, das lassen wir nicht zu. Erst muss die Infrastruktur da sein.“

Und wo sollen in der Zwischenzeit neue Wohnungen entstehen? „Es gibt in Pankow innerstädtisch perfekt erschlossene Gebiete: Pankower Tor, Güterbahnhof Greifswalder Straße, Michelangelostraße. Da kommt man nicht voran, aus diversen Gründen. Bevor diese Potenziale nicht realisiert werden, ist es irrsinnig, Satellitenstädte am Stadtrand zu bauen. Wir reden hier über freie Felder ohne jede verkehrliche Erschließung.

Das klingt jetzt aber doch nach: „Baut lieber dort statt bei uns.“ Nein, das ist Politik, und die muss abwägen. Und meine politische Einstellung beim Wohnungsbau ist klar: Innenstadt vor Außenbereich.“

Die Anwohner an Greifswalder oder Michelangelostraße wehren sich dagegen, die Grünflächen, Freiräume und Parkplätze zu verlieren. „Das ist persönlich nachvollziehbar. Wenn Leute seit vierzig Jahren aufs Komponistenviertel schauen, wollen sie sich das natürlich erhalten. Aber wenn ich mitten in der Stadt lebe, mit Bahn-Anschluss und guter Infrastruktur, und vor meiner Tür sind noch große Freiflächen – da muss ich doch damit rechnen, dass die irgendwann bebaut werden.“

Auch die Initiativen „Bürgerstadt Buch“ und „Neue Wege für Berlin“ sehen den größten Platz für bis zu 100.000 neue Wohnungen eher im Nordosten. Was halten Sie davon? „Als ich die Ideen der Bürgerstadt gelesen habe, war ich sprachlos. Einerseits wegen der Dimensionen, andererseits wegen der offensichtlichen Ortsunkenntnis. Hier wurden Schutzflächen und andere Gebiete einbezogen. Diesen Vorschlag kann ich nicht ernst nehmen, und auch Bezirksbürgermeister Sören Benn hat ihn ja dankenswerterweise kenntnisreich auseinandergenommen. Was „Neue Wege“ betrifft: Ein großer Teil der Ideen findet meine volle Unterstützung. Aber vieles ist mir auch zu pauschal. Man kann nicht einfach irgendwelche Maximalzahlen für den Nordostraum benennen. Man muss konkrete Bauprojekte differenziert betrachten.“

Wie wollen Sie das mit Ihrem Netzwerk nun erreichen? „Wir werden uns gegenseitig organisatorisch und fachlich unterstützen. Und wir werden Einwohneranträge in der BVV einreichen. Der erste Antrag steht schon in der kommenden BVV an. Da schlagen wir vor, an der A 114 zwischen Bucher und Schönerlinder Straße einen Mobilitätshub einzurichten. Dort, wo schon zu DDR-Zeiten an der S 8 ein Bahnhof vorgeplant wurde. Das ist ein idealer Punkt, um die Pendlerverkehre abzufangen, zum Beispiel mit Bussen und Verleihsystemen. Und wir werden die Probleme des Nordostraums und unsere Forderungen auch im Abgeordnetenhaus anbringen.“ – Foto: promo

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de

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