Nachbarschaft
Veröffentlicht am 19.09.2019 von Christian Hönicke
Hans Strauß war Teil der West-Berliner Glitzerwelt. Von 1976 bis 1996 arbeitete er als Chefdekorateur des KaDeWe: „Dadurch kam ich mit vielen Berühmtheiten in Kontakt.“ Aber Strauß ist auch gebürtiger Pankower. Er lebt in der Kattegatstraße, die wie das gesamte Viertel entlang der westlichen Wollankstraße einst zu Pankow gehörte. Obwohl seine Heimat schon vor dem Zweiten Weltkrieg dem Wedding angegliedert wurde, fühlte sich Strauß auch zu Mauerzeiten stets als Pankower – bis heute.
Herr Strauß, Sie haben Pankow verlassen, ohne umzuziehen. 1938 schlugen die Nazis Ihr Nordbahnviertel im Zuge der Grenzbegradigung dem Wedding zu. Als ich geboren wurde, 1936, gehörte dieser Zipfel noch zu Pankow. Das ging ja früher bis zum Elisabethfriedhof. Ich habe zwischenzeitlich auch mal in Wilmersdorf und am Heidelberger Platz gewohnt, aber ich habe mich zeitlebens als Pankower gefühlt. Ich bin auch bald wieder zurückgekommen ins Nordbahnviertel, wegen der Familie, und wohne nur zwei Häuser neben meinem Geburtshaus. Das hat mein Großvater gekauft und vermietet.
War die Zwangseingliederung nach Wedding damals Thema in Ihrer Familie? Ständig – das war für uns alles unvorstellbar. Aus dem bürgerlichen Pankow in den proletarischen Wedding, das war ja auch eine Standesfrage. Meine Großmutter war sehr fein, mein Großvater Bankdirektor. Der Bürgerpark war quasi unser Vorgarten. Er war sehr vornehm, ein richtiges Schmuckstück. Ich kann mich noch an die Außengastronomie direkt an der Panke erinnern, zwischen Brücke und Rosengarten. Heute ist da nur noch Wiese, damals gab es noch Platz für 5000 Gäste, weißen Sand, Palmen und eine Konzertmuschel für Musik. Da haben meine Tante und mein Onkel Hochzeit gefeiert.
Und Sie haben sich auch als Weddinger immer weiter Richtung Osten orientiert? Natürlich. Hier in der Wollankstraße fuhren drei Straßenbahnen, wir sind immer nach Pankow rüber. Auch mein Onkel war Tierarzt in Pankow Kirche, er hatte seine Praxis neben dem alten Pfarrhaus. Aber es war alles nicht mehr so einfach, die Trennung war schon zu merken. Wir gehörten plötzlich zum Postbezirk Osloer Straße, nicht mehr zur Berliner Straße mit ihrem prächtigen Postamt. Auch das Polizeirevier war plötzlich ein anderes. Richtig schlimm war für mich, als die Breite Straße im Krieg bombardiert worden ist. Das Café Lindner war weg, ständig leuchtete der Himmel hinter der Wollankstraße abends blutrot.
Nach dem Krieg war Pankow eine andere Welt. Es stand unter sowjetischer Besatzung, Ihr Viertel unter französischer. Wenige Tage nach Kriegsende forderten einige tausend Bürger Ihres Viertels per Unterschriftensammlung die Wiedervereinigung mit Pankow. Ja, nach dem Krieg wollten auch wir unbedingt nach Pankow zurück. Auch deswegen, weil es im Osten ganz viel Fleisch und Brot gab – viel mehr als im Westen. Viele Frauen aus unserem Viertel sind deswegen rüber zur Russischen Kommandatur.
Die war im Rathaus Pankow untergebracht, bevor sie nach Karlshorst verlegt wurde. Am Pankower Rathaus gab es damals ein riesiges, gemaltes Stalin-Bild. Sechs mal zwölf Meter – es wurde Tag und Nacht beleuchtet von den gegenüberliegenden Balkonen. Ich habe das immer noch vor Augen. Leider gibt es davon kein Foto. Jedenfalls stellten die Frauen in der Kommandatur den Antrag, unser Viertel wieder Pankow zuzuschlagen, um auch an die Lebensmittel zu kommen. Doch das wurde abgelehnt.
Mit dem Mauerbau wurden die letzten Verbindungen in Ihre alte Heimat gekappt. Im Nachhinein muss man natürlich sagen: Gott sei Dank ist es nicht dazu gekommen, dass wir Teil der DDR wurden. Aber damals war das für uns ein Schock, es fühlte sich an wie eine vernichtende Niederlage. Über unser Haus gibt es einen WDR-Dokumentarfilm von 1967: „Das Haus an der Grenze“. Alle unsere Mieter und auch ich sprechen darin über die letzten Kriegstage und den Mauerbau.
Wie haben Sie sich auf der anderen Mauerseite gefühlt? Wir waren das Ende der Welt. Aber jeder Taxifahrer kannte die Nordbahnstraße. Es gab hier das erste italienische Restaurant Berlins, „Sicilia“ hieß das. Wir hatten auch einen berühmten Puff in der Straße. Jeder Taxifahrer wusste sofort, wo das ist, wenn man gesagt hat: Fahr mal in die Nordbahnstraße!
Waren Sie in all den Jahren mal auf der anderen Seite in Pankow? In der ganzen Mauerzeit waren wir nur zwei Mal drüben. Mit Schauern, man kann es nicht anders sagen. Pankow wurde grau und trostlos. Es war uns schon noch vertraut, manches war noch da. Die Fortuna-Lichtspiele in der Florastraße, der schöne Filmpalast gegenüber dem Rathaus, wo jetzt das Einkaufszentrum ist. Auf dem Friedhof im Bürgerpark lagen noch immer meine Großeltern und mein Vater. Aber wir hatten uns auseinandergelebt. Pankow war plötzlich wie eine fremde Stadt für uns.
Haben Sie die Maueröffnung dennoch herbeigesehnt? In jedem Fall. So konnte es nicht bleiben. Aber hier am Bahnhof Wollankstraße wurde die Mauer erst acht Tage später geöffnet. Der Bahndamm war ja zugemauert. Früher hatte er viele Durchgänge, teilweise saßen in den Bögen auch Handwerksbetriebe. Doch auch auf Weddinger Seite hat man die irgendwann vermauert. Das hatte einen Grund: Hier wurde ein Fluchttunnel gebaut, von West nach Osten. Ein Teil des Bodens ist im alten Bahnhaus abgerutscht, deswegen hat alles zugemauert. 14 Tage nach der Maueröffnung gab es zumindest wieder einen Durchgang Richtung Wilhelm-Kuhr-Straße. Ich hatte der Bahn auch die Öffnung der restlichen Bögen vorgeschlagen, zum Beispiel für Fahrräder. Das hat man leider abgelehnt – zumindest haben wir nun wieder einen Durchgang nach Pankow.
Haben Sie als West-Berliner Exil-Pankower heute mehr Verständnis für spezifische Ost-Probleme? Natürlich habe ich mehr Verständnis. Ich habe viele Bekannte aus dem Osten, wir besprechen die Dinge. Man hat nach der Wiedervereinigung für den Osten einfach zu wenig getan. Alle Betriebe wurden verkauft, die Menschen wurden teilweise an der Nase herumgeführt. Das ist traurig.
Ist Pankow denn auf einem guten Weg zurück zum alten Glanz? Ja. Ich gehe jeden Tag eine Stunde im Bürgerpark mit meinem Hund spazieren. Ganze Straßenzüge sind neu gebaut worden, vieles ist wunderbar. Pankow ist ein Magnet. Durch das viele Grüne scheint noch immer ein wenig das Dörfliche durch. Ich genieße es zu sehen, wie mein Pankow wieder aufblüht. – Text: Christian Hönicke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den – kompletten – Pankow-Newsletter gibt’s unkompliziert und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de.
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