Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.10.2019 von Christian Hönicke

Micha Kähne ist der Bildhauer „MK Kähne“. Er wurde 1963 in Litauen geboren, wuchs in Moskau und Berlin auf und wirkte 1989 in Prenzlauer Berg als Teil der Anarcho-Subkultur. Kähne ist einer von knapp 150 Zeitzeugen, die die Künstlerin Karla Sachse für ihr Projekt „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ interviewt hat.

Noch bis zum 9. November weisen in ganz Pankow Bodenzeichen auf die (damaligen) Wohn- und Arbeitsorte der von Sachse Interviewten hin. Per QR-Code fürs Smartphone wird man auf die Webseite „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ geleitet, wo die Interviews angehört werden können. Wir veröffentlichen an dieser Stelle bis zum Jahrestag regelmäßig Erinnerungen von Zeitzeugen:

„Ich bin Micha Kähne. Die Jahre rund um den Mauerfall war ich im Umfeld der Berliner Anarcho-Bewegung unterwegs. Musiker, Philosophen, Künstler, Schauspieler.

Der Staat DDR spielte für uns keine Rolle. Ich würde sogar sagen, wir lebten in einer Parallelgesellschaft. Vom Staat wurde nichts mehr erwartet, Freiräume wurden erobert, Wohnungen besetzt. Materielle Sachen waren uns unwichtig, Karriere war ein Schimpfwort. Talentierte oder geniale Spinner und Außenseiter waren mir sympathisch beziehungsweise meine Freunde.

Ich selber kann mich an politische Diskussionen zum Thema DDR gar nicht erinnern, weil eh alles klar war. Ich habe auch keine Ostzeitungen gelesen. Ich wusste natürlich Bescheid über Positionen und Dissidenten. Freunde von mir waren involviert und hatten zum Teil Ausreiseanträge laufen oder waren schon ausgereist.

Mit den Behörden und der Stasi gab es ein Katz-und-Maus-Spiel, zumindest Ende der 80-er Jahre. Wir nahmen uns das, was wir wollten, und wenn wir dann aufflogen, haben wir einfach ahnungslos getan. Ich denke, die Behörden und die Stasi waren einfach überfordert, weil es schon zu viele gab, die nicht mehr mitspielten. Für uns waren regelmäßige Ausweiskontrollen auf dem Alexanderplatz eher eine Auszeichnung. Das bewies, dass man anders ist. Und irgendwie kam man sich auch gefährlich vor. Die Generation vor uns hatte es einfach schwieriger.

Ich will das jetzt nicht verharmlosen, natürlich gab es auch eine rote Linie. Wenn man die überschritten hatte, gingen tatsächlich die Türen zu. Ausbildung, Studienplatz undsoweiter. Oder eben tatsächlich Gefängnis. Es gab auch Sachen wie ein Berlin-Verbot oder eine Arbeitsplatzbindung.

Neben der territorialen Enge in der DDR war für mich die geistige Enge ein Problem. Es gab einen bestimmten Kunstkanon. Und diese Schizophrenie, dass man übers Westfernsehen wusste, was in der Welt für Kunst gemacht wurde, für Bücher geschrieben und Filme gedreht wurden. Davon ausgeschlossen zu sein, war natürlich ein Problem. Wir hatten trotzdem unseren Spaß. Fatalismus ist ein Grundgefühl, das ich mit dieser Zeit verbinde. Aber „No Future“ war ja auch in London cool.

Für viele meiner Freunde gab es drei Optionen, die real waren. Ausreiseantrag. Oder Kunst machen und kaum ausgestellt werden, nebenbei einen Job haben, vielleicht als Heizer. Oder sich in irgendeiner Nische als Künstler in der DDR einrichten. Der Fall der Mauer hat mir diese Entscheidung abgenommen.

Ich war damals 26 Jahre, das war ein gutes Alter für so einen Umbruch. Man war nicht festgelegt. Außerdem hatte ich schon Erfahrung mit Umbrüchen, ich bin mit 16 mit meinen Eltern von Moskau nach Berlin gezogen.

Der Kindergarten DDR hatte einfach keinen Erzieher mehr. Die Zeit nach dem Mauerfall war deshalb besonders. Ich kann mich an fast dadaistische Situationen erinnern. Als ich bei Rot über die Straße gelaufen bin, standen auf der anderen Straßenseite Polizisten mit Ost-Uniform, aber schon mit West-Mütze. Die hatten fast Tränen in den Augen, weil sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen.

Die Freiheit und der Idealismus, die nach dem Mauerfall herrschten, waren ein Vakuum. Das war schnell vorbei. An die Stelle traten ökonomische Zwänge, politische Spielregeln und die Treuhand, die dilettantisch agiert hat.

Ich habe dann angefangen, Ausstellung in Galerien zu machen. Ich selbst bin jetzt mit den Realitäten nicht immer einverstanden. Aber ich habe das Gefühl, man kann sich dazu verhalten. Außerdem lebe ich lieber in einer komplexen Welt als in einem abgesperrten Biotop, wie es die DDR war. Ich mache auch noch politische Arbeiten.

Aber an revolutionäre Umbrüche glaube ich nicht mehr. Dazu braucht man Naivität, die ich inzwischen nicht mehr habe.“

Das Foto oben zeigt übrigens die Grenzöffnung am 10. November 1989 an der Invalidenstraße. Fotocredit: Imago

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de