Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.11.2019 von Christian Hönicke

Der Mauerfall und ich in Berlin-Pankow. Sie ist Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Daniela Dahn arbeitete zunächst für das DDR-Fernsehen, kündigte aber 1981 und schrieb 1987 die erste Fassung ihres Buchs „Prenzlauer Berg-Tour“. Dahn war 1989 eine Mitbegründerin der Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch“ und ist heute Mitherausgeberin der Zeitschrift „Ossietzky“. Sie ist eine von knapp 150 Zeitzeugen, die die Künstlerin Karla Sachse für ihr Projekt „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ interviewt hat.

Noch bis zum 9. Dezember weisen in ganz Pankow Bodenzeichen auf die (damaligen) Wohn- und Arbeitsorte der von Sachse Interviewten hin. Per QR-Code für’s Smartphone wird man auf die Webseite „Aufbruch 1989 – Erinnern 2019“ geleitet, wo die Interviews angehört werden können. Die Worte von Daniela Dahn kann man jedoch nicht hören, sondern nur lesen – sie entschied sich für die Schriftform, die wir hier in Auszügen wiedergeben:

„Der 9. Oktober 1989 war mein 40. Geburtstag. Halbzeit, sozusagen. Es waren allerhand Gäste gekommen. Doch die Stimmung war angespannt, an diesem Abend fand in Leipzig die größte Montagsdemo statt und es gab Gerüchte, dass in den Nebenstraßen nahe des Rings Panzer aufgefahren seien. (…) Gegen 22 Uhr kam ein Anruf eines Leipziger Freundes – alles sei gewaltfrei und friedlich abgelaufen. Wir jubelten, die Erleichterung war groß. Von da an wurde die Party ausgelassen.

Ich gehörte nicht zu den Hellsichtigen, die von Anfang an genau wussten, was jetzt zu tun und zu wünschen war. Ich wollte immer in einer Demokratie leben, aber nie im Kapitalismus. (…) Mitte September wurde im Schriftstellerverband mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die ich zuvor in einer kleinen Gruppe von Autorinnen um Christa Wolf angeregt und mitformuliert hatte: Wir forderten einen sofortigen öffentlichen Dialog über die sich zuspitzenden Probleme in der DDR. Das war die erste derartige Resolution in diesem Herbst des Aufbruchs, der viele ähnliche folgten. Der Dialog war in Gang gekommen, allerdings noch nicht öffentlich. (…)

Es war die politisch intensivste Zeit meines Lebens – das ging mir nicht anders als vielen bewegten Bürgern damals. Am 1. Oktober nahm ich, teils folgerichtig wegen der Resolution, teils zufällig, da solche Termine noch konspirativ weiter gegeben wurden, an der Gründungsversammlung des Demokratischen Aufbruchs teil. (…) Mehrfach traf ich mich danach mit einigen Kollegen im Klubhaus des Schriftstellerverbandes am Pankower Majakowskiring, um zu beraten, wie ein neues Pressegesetz aussehen müsste.

Ich hatte vor acht Jahren meine Stelle als Fernsehjournalistin gekündigt und war und bin seither sogenannte freie Autorin. Die einseitigen und bevormundenden Medien waren für mich das Unerträglichste an der DDR. Erst später begriff ich, dass für die meisten meiner Landsleute nicht die Meinungsfreiheit oberstes Ziel war, sondern die Konsum-Freiheit.

Am 28. Oktober fand in der Erlöserkirche eine Protestveranstaltung der Berliner Künstler statt, „Wider den Schlaf der Vernunft“, die mein Kollege Jürgen Rennert und ich moderierten. Daher erinnere ich mich ziemlich gut und habe auch noch die Liste der etwa 70 mitwirkenden Künstler. Nie zuvor und nie danach war die gesamte Kunstprominenz auf einer Bühne. Alle drückten auf sehr persönliche Art ihre Solidarität mit den Opfern staatlichen Machtmissbrauchs aus.

Die Veranstaltung ging über fünf Stunden und Tausende, die in der Kirche keinen Platz mehr gefunden hatten, verharrten bis in die Morgenstunden vor den Lautsprechern, aus denen das Ganze nach draußen übertragen wurde. Dabei war es bitter kalt.

Am nächsten Tag veröffentlichte das „Neue Deutschland“ einen ausführlichen, wohlwollenden Bericht. Und versäumte auch nicht, die zentrale Forderung des Abends zu erwähnen: eine unabhängige Untersuchungskommission als Schule der Demokratie. Zwei Tage später wurde die erste Unabhängige Untersuchungskommission der DDR beschlossen und mehrere Teilnehmer des Abends, darunter Christa Wolf, Christoph Hein, Jürgen Rennert und ich, gehörten zu den Delegierten. Die Ereignisse hatten eine nie gekannte Dynamik gewonnen.

Mit der Öffnung der Mauer verlor die bürgerrechtliche Opposition sofort an Einfluss. Die DDR als eine Alternative zu reformieren, geriet immer mehr zur Illusion. Obwohl der Runde Tisch gefordert hatte, westliche Politiker mögen sich aus dem Wahlkampf in der DDR heraushalten, waren sie sofort alle vor Ort. Und brachten ihre Lösungen mit. Und ihre Medien und Berater, die zu verhindern wussten, dass der Demokratisierungsdruck aus dem Osten auch den Westen ergreift. (…)

Die Folgen von überstürzter Währungsunion, Treuhandpolitik, dem Prinzip Rückgabe vor Entschädigung und flächendeckender Abwicklung der DDR-Eliten sind bekannt. Unbestritten hat sich der Lebensstandard für die meisten erheblich verbessert, wozu neben fragwürdigem Konsum auch wichtige Dinge wie gesündere Ernährung, schöneres Wohnen, die Freiheit des Reisens und sich Informierens gehören.

Dennoch sind die anhaltende wirtschaftliche Schwäche im Osten, das Gefühl, selbst immer noch nichts zu sagen zu haben, der Frust über sozialen Druck und die sich daraus gefährlich steigernde Affinität zu rechtsextremistischem Denken und Handeln deutliche Folgen der verfehlten Vereinigungspolitik. Es wäre wünschenswert, wenn die noch korrigierbaren Fehler bald in Angriff genommen würden.“ – Foto: Imago; Text: Christian Hönicke
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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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