Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.11.2019 von Christian Hönicke

Günter Höhne schaltet stolz ein altes Holzradio an, die Undine II. „Die wurde von Erich John designt, der später die Weltzeituhr auf dem Alex entworfen hat. Das war eine Studentenarbeit von ihm.“ Höhne weiß das, weil er Undine eigenhändig vor der Verschrottung gerettet, repariert und aufpoliert hat. Wie so viele andere Dinge, die einst das Leben der Menschen in der DDR prägten.

Gemeinsam mit seiner Frau Claudia hat Höhne einen Großteil seines Lebens der Mission gewidmet, die Alltagsgegenstände des untergegangenen Landes vor dem Vergessen zu bewahren. So haben sie die vermutlich größte private Sammlung von DDR-Produkten aufgebaut. „Wir sind aber keine Sammler, wir sind Archäologen und Retter“, sagt Günter Höhne. Der Journalist schrieb darüber viele Bücher, darunter „Das große Lexikon DDR-Design“. In der kleinen Erdgeschoss-Wohnung in Niederschönhausen finden sich noch ein paar Hundert solcher Relikte. Der Großteil aber ist inzwischen in namhaften Museen untergebracht.

Alles begann „so etwa 1993“, sagt Günter Höhne. Nach der Wende fuhr das Paar durch die alte DDR. „Da haben wir überall in Dörfern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg die ganzen Sperrmüllhaufen gesehen. Wir waren fassungslos. Ich dachte mir: Ihr armen Schweine sollt nicht vernichtet werden. Aus Erbarmen haben wir vieles mitgenommen – das entwickelte dann eine Eigendynamik.“ Wo auch immer die Höhnes hinkamen, spürten sie vergessenen Perlen nach: „Wir hatten plötzlich einen ganz anderen Blick.“ Die Wochenenden verbrachten sie meist auf Flohmärkten, „das wurde zur Obsession“.

Besonders besessen war Günter Höhne. Der gelernte Lehrer entdeckte Ende der 1960er Kultur, Design und das Bauhaus für sich. 1968 kam er aus Sachsen nach Berlin, zunächst arbeitete er im DDR-Radio in der Kulturredaktion. 1984 bis 1989 war er Chefredakteur von „form+zweck“, der einzigen Designzeitschrift der DDR, die das „Amt für industrielle Formgestaltung“ (AiF) herausgab. „Ich habe mich vor allem für die Massenproduktion interessiert, denn das prägt den Alltag der Menschen.“

Auch weil es bei „form+zweck“ nur wenige Mitarbeiter gab, fuhr Höhne persönlich in die Betriebe und sprach mit den Gestaltern und Arbeitern über ihre Produkte. „So wurde ich zum Experten. Und ich sah, mit wie viel Mühe das alles mit bescheidenen Mitteln produziert wurde.“ Seine Liebe für das DDR-Design hält bis heute an. Das will er nicht als Ostalgie missinterpretiert wissen. Er habe den gesellschaftlichen Umbruch gefordert: „Ich war 1989 selbst bei der Demo auf dem Alex.“

Mit dem obsessiven Sammeln aber begann erst die eigentliche Arbeit. „Jedes Ding ist durch meine Hände gegangen, ich habe alles gesäubert, aufbereitet, restauriert, katalogisiert“, sagt Günter Höhne. „Am schwierigsten war die Dokumentation. Wer hat es entworfen, wer gebaut?“ Das ist gerade für ein Museum essenziell. „Und das ist eine Schweinefleißarbeit. Denn die meisten Unterlagen sind nach dem Ende der DDR einfach auf dem Schutt gelandet.“

Zweimal haben die Höhnes einen riesigen Dachboden über ihrer alten Wohnung in Prenzlauer Berg mit Undine & Co. vollgestellt. „Da hatten wir ein Hygrometer und eine Heizung drin, wir hatten es mit Planen abgehängt, damit es nicht durchregnet.“ Im Laufe der Jahre wurde der Schatz immer größer und wertvoller, weil auch die Klischees über DDR-Produkte weniger wurden. Große Museen fragten an. 2004 gingen die etwa 5000 Exponate per Lkw nach Leipzig ins Grassi-Museum. Danach füllten die Höhnes die Kammer noch einmal „bis unter die Dachkante“ mit DDR-Trouvaillen auf. 2012 ging die zweite Tranche nach München in die Pinakothek der Moderne. Dort wird die „Sammlung Höhne“ als „wohl bedeutendste und größte Privatsammlung von DDR-Design“ bezeichnet.

Parallel legte Günter Höhne sein eigenes Museum an. Seit 2004 pflegt er das Portal „Industrieform DDR“ zur Geschichte des ostdeutschen Designs. „Das ist ein virtuelles Museum mit bisher etwa 1800 Objekten. Vom Flugzeug bis zum Mixer ist alles dabei, nach Gebrauchsgutgruppen geordnet. Unser Ansatz ist: Was fotografiert ist, ist gerettet.“ Dazu kommt ein kleines Tonarchiv – dort kann man zum Beispiel noch einmal nachhören, wie der Rasierer „Bebo Sher“ einst rasselte.

Das Jubiläum des Mauerfalls hat auch das Interesse an der DDR steigen lassen. Günter Höhne wurde zu vielen Vorträgen eingeladen, auch die Webseite ist sehr gefragt. „In diesem Jahr sind mehr als eine halbe Million Besucher dazugekommen“, sagt er. Die Zugriffe kämen aus der ganzen Welt.

Nur in Berlin findet sich außerhalb der Wohnung quasi nichts von Höhnes DDR-Schatz. In der Stadt gehe man damit „ignorant“ um, sagt der 76-Jährige. Das Museum für Kunsthandwerk in der Potsdamer Straße habe sich bis heute nie gemeldet, das „DDR-Museum“ in Mitte und die DDR-Ausstellung in der Kulturbrauerei hält er für „ideologisch verbrämt“. Man benutze dort Exponate, um die DDR „schmutzig, grau, ramschig und ausschließlich als Diktatur und Unrechtsstaat darzustellen“. Es fehle in Berlin die Bereitschaft, sich mit der DDR als Teil der deutschen Kulturgeschichte ernsthaft auseinanderzusetzen: „In München und in Leipzig hat man da eine professionellere Sicht.“ Im Leipziger Grassi-Museum „steht DDR-Design gleichberechtigt neben Geräten aus Italien oder der Bundesrepublik, und man kann die kaum auseinanderhalten. Da geht es um Zeitgeist, nicht um Ideologie.“ Auf der Homepage des „DDR-Museums“ hat Höhne immerhin inzwischen einen eigenen Blog, in dem er sachliche Hintergrundgeschichten zum DDR-Designerbe veröffentlicht.

Der aktuelle Zeitgeist macht Höhnes Spezialgebiet noch interessanter. Im Zuge der Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsdebatte erfahren Produkte der Marke „Made in the GDR“ eine Neubewertung. „Bei meinen Vorträgen sind Nachhaltigkeit und Klima ständig Thema“, sagt Höhne. Die DDR habe „Stroh zu Gold spinnen“ müssen, im Vordergrund standen Dienstleistung und Nachhaltigkeit, getreu den „Fünf L“: langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise.

„Ein intelligentes Vorgehen mit begrenzten Ressourcen“, sagt Claudia Höhne und holt zum Beweis ein Trinkglas aus der Vitrine: „Das sind Superfest-Gläser, die kann man aus einem Meter fallen lassen, die gehen nicht kaputt. So etwas wird heute gar nicht mehr hergestellt.“ Ihr Mann ergänzt: „Auf den ersten Blick wirkt das rein funktional und wenig aufregend. Aber diese Dinge funktionieren immer noch. Deswegen werden sie heute im Internet teilweise teurer gehandelt als aktuelle Produkte, die nach zwei Jahren kaputtgehen.“

Auch an den Designhochschulen gebe es inzwischen „eine Art DDR-Renaissance unter anderen Vorzeichen“, sagt Höhne. „Was damals aus der Materialnot geboren war, ist heute eine sinnvolle Selbstbeschränkung, um sparsam und an die Zukunft denkend mit unseren Ressourcen umzugehen. Wie das geht, hat die DDR zumindest auf dem Gebiet vorgemacht.“ / Text: Christian Hönicke / Foto: Mike Wolff 

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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