Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.03.2020 von Christian Hönicke

Der Bürgermeister von Berlins größtem Bezirk. Hier warnt Sören Benn gleichermaßen vor Sorglosigkeit und Panik im Umgang mit Corona. Der Bürgermeister von Berlin-Pankow – er gehört der Linkspartei an – kritisiert Hamsterkäufe als „asozial“ und Coronapartys als „gemeingefährlich“.

Herr Benn, gehen Sie noch ins Büro oder arbeiten Sie im Homeoffice? Ich fahre mit dem Rad oder laufe ins Büro und das bisher täglich. Da ich ein Einzelbüro habe, ist das weitgehend unproblematisch. Ansonsten habe ich fast alle Termine abgesagt – außer solchen, die zwingend sind, um unaufschiebbare Entscheidungen zu treffen. Natürlich gehe ich generell nach draußen. Das sollten alle tun, schon wegen des natürlichen Lichtes, dass wir alle brauchen. Wenn man dabei auf Abstände achtet, ist das völlig ungefährlich.

Es gibt viele Menschen, die nun von „Panikmache“ reden und sich „nicht verrückt machen lassen“ wollen. Zu Panik besteht auch kein Anlass. Aber wer von Panikmache redet, ist schlicht schlecht informiert. Ich rate allen erwachsenen PankowerInnen, sich auch als solche zu verhalten. Also jederzeit körperlichen Abstand zu wahren, achtsam zu sein und nur solche Wege zu machen, die das auch gewährleisten. Dies ist auch für Heranwachsende wichtig, weil die sich am Verhalten Erwachsener orientieren.

Sie spielen auf Schüler an, die die Schließung der Schulen zu größeren Feiern in Parks nutzen. Wer jetzt Coronapartys feiert, handelt nicht freiheitsliebend, sondern gemeingefährlich. Wenn unser Gesundheitssystem aufgrund von Überlastung zusammenbricht, erst dann bekommen wir ein ernsthaftes Problem, weil dann auch für die Gesamtbevölkerung ein manifestes medizinisches Versorgungsproblem entsteht mit allen gesundheitlichen und massenpsychologischen Folgen. Es geht gegenwärtig darum, der Infektionsexplosion die Nahrung zu entziehen, damit die Ausbreitung langsamer abläuft. Das rettet effektiv Menschenleben. Wir haben es also absolut in der Hand, das Infektionsgeschehen zu beeinflussen. Wer daran nicht aktiv mitwirkt, macht sich schuldig.

Sie haben also Panik vor der Sorglosigkeit der Menschen? Wir agieren im Rahmen einer weltweiten Pandemie mit Gesundheitssystemen, die aufgrund ihrer weitgehenden Vermarktlichung darauf nicht vorbereitet sind. Wie jedes System, das auf Kante genäht ist, bricht es bei Überlast sehr schnell und vollständig zusammen. Daher ist es notwendig, den Dominoeffekt auszubremsen. Jede und jeder von uns ist einer dieser Dominosteine. Vergrößern wir den Abstand, halten wir uns an die Einschränkungen, können wir bald, um die gemeinsame Erfahrung kollektiver Vernunftbegabung reicher, wieder in unseren normalen Leben zurück. Tun wir dies nicht, wachen wir in einer anderen Welt auf.

Auf der anderen Seite der psychologischen Skala stehen die „Hamsterkäufe“. Haben Sie dafür Verständnis? Ein Wocheneinkauf und ein wenig verstärkte Vorratshaltung sind in Ordnung. Wer aber hamstert, handelt absolut asozial. Hier sollten KundInnen das Kassenpersonal in der sozialen Ächtung dieses Verhaltens unterstützen. Die Lager sind voll, die Warenströme laufen weiter. Es gibt keinen einzigen Grund, sich wie ein Prepper aufzuführen.

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Im zweiten Teil des Interviews spricht Benn darüber, was das Bezirksamt nun tut und welche Auswirkungen der Coronavirus auf den Wohnungsbau haben könnte. Sie finden den zweiten Teil im Kiezgespräch des Pankow-Newslettersin voller Länge und kostenlos lesen unter leute.tagesspiegel.de. / Text: Christian Hönicke / Foto: Sven Darmer

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