Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.09.2021 von Robert Ide

Jörg Frey singt Alt-Berliner Lieder und tritt mit seinem Leierkasten auf. Der 54-Jährige aus Prenzlauer Berg ist eigentlich Maler und Grafiker. Inzwischen arbeitet er als Kunsttherapeut, verbindet dabei psychotherapeutische Gruppenberatung mit Malerei. Und er lebt und liebt die Leierkasten-Kultur.

Herr Frey, Sie drehen am Leierkasten. Haben Sie nicht das Gefühl, dass das aus der Zeit gefallen ist? Doch, ich habe dieses Gefühl. Die Leierkastenmusik ist ein Berliner Kultur, die verlischt. Damit entspricht sie meinem Lebensgefühl. Ich passe überhaupt nicht in die Zeit: Ich male gerne antiquiert, liebe Lieder von Hans Albers, rezitiere Kurt Tucholsky. Ich bin ein Stück Alt-Berlin. Aber wissen Sie, was mich staunen lässt? Immer mehr Menschen wollen das hören, ich könnte jeden Tag mit meinem Programm tingeln. Ich trete ohne Mikro und Verstärker auf. Nur mit der menschlichen Stimme und der alten Drehorgel. Und da kommen Kinder und Jugendliche und fragen mich: Wie funktioniert denn das?

Und, wie funktioniert das? Auf jeden Fall ohne Elektronik. Ich lege in meinen Leierkasten eine Rolle mit gelochtem Papier ein, die ich dann aufdrehe. Im Leierkasten sind die Pfeifen zunächst alle verschlossen und stumm. Wenn dann oben im Papierband ein Loch kommt, wird die Luft in ein Steuerloch gedrückt. Durch den Druck öffnet sich unten an der Pfeife ein Ventil. Dann geht der Hauptstrom der Luft in die Pfeife und macht Musik. Das ist ein pneumatischer Prozess, der mit Druckluft funktioniert – so lassen sich viele Töne in kurzer Zeit spielen. Gerade 16- oder 17-Jährige sind davon fasziniert.

Wie haben Sie denn Ihre Liebe für den Leierkasten entdeckt? Zum ersten Mal habe ich mir das 2002 bei einer Drehorgelparade aus nächster Nähe angeguckt. Da habe ich gerade eine Möglichkeit gesucht, mit Liedern und Gedichten aufzutreten ohne ein Instrument spielen zu können. Ich wollte Programme machen über die Berliner Lieder der Zwanziger Jahre. Also habe ich mir einen kleinen Leierkasten gekauft zum Umhängen.

Vor 100 Jahren spielten etwa 3000 Leierkastenmänner auf Berlins Straßen. Sie sind nun einer der letzten. Warum fasziniert sie diese alte Zeit so sehr? Das kommt von meiner Großmutter. Ich habe damals viele Kindertage bei ihr verbracht, weil es in den sechziger Jahren keinen Kindergartenplatz für mich gab. Bei ihr haben wir immer Ufa-Filme geguckt aus ihrer Jugend, mit den herrlichen Filmschlagern von Zarah Leander und Heinz Rühmann. Sie hat viel von dieser Zeit geschwärmt, denn meine Oma war damals eine der modernen Frauen der Zwanziger Jahre: Sie trug mit 18 Kurzhaarschnitt und kurze Röcke, arbeitete und trat selbstbewusst auf, hatte viele Amoren. Eine faszinierende Frau, die sich im damaligen Berlin ausleben konnte. Ihre Prägung hat mich selbst geprägt.

Auf Ihren großen Leierkasten haben Sie den alten Prenzlauer Berg um 1800 aufgemalt. Man sieht vor allem Windmühlen und Felder. Ja, damals war alles noch grün hier, die Häuser kamen erst später. Ich bin in Prenzlauer Berg groß geworden und habe mich schon immer für die Geschichte der Gegend interessiert. Vor 200 Jahren standen auf den Hügeln des Prenzlauer Bergs vor allem Windmühlen. Ich habe bei meinen Recherchen dazu sogar noch einen letzten Rest gefunden. Am S-Bahnhof Prenzlauer Allee, unten am Bahnsteig, gibt es eine Befestigung mit roten Ziegeln. Das war mal die Basis einer Windmühle, die letzte verbliebene Spur vom alten Prenzlauer Berg der Goethe-Zeit. Doch dann kam die Walze der Industrialisierung.

Und jetzt die Walze der Gentrifizierung, oder? Fühlen Sie sich hier im Kiez noch zu Hause? Ich habe hier mein Leben verbracht, kenne noch das DDR-Künstlerviertel mit seinen Malern und Grafikern, auch die überall offenen Hinterhöfe. Diese Kultur ist durch die Vermarktung jeder freien Fläche zerstört worden. Ich fühle mich fremd im eigenen Kiez. Dieses ganze Getue und Eingekaufe ist nicht meine Welt. Aber durch den Leierkasten gibt es meine alte auch noch.

Wie wohnt es sich inzwischen in Berlin, Ecke Schönhauer? Es ist natürlich laut und dreckig durch den vielen Verkehr. Aber es gibt Inseln: Gartenanlagen, alte Plätze, grüne Innenhöfe. Ich wohne mit meiner Frau zum Glück im Hinterhaus, wir haben den Hof begrünt und schön gemacht. Hier kann man einfach noch sitzen.

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-c.hoenicke@tagesspiegel.de