Nachbarschaft
Veröffentlicht am 28.10.2021 von Christian Hönicke
Manuela Anders-Granitzki will und soll Bezirksstadträtin werden. Sie wurde dafür von der CDU offiziell nominiert. Im neuen Bezirksamt sind ja sechs (statt bisher fünf) Stadtratsposten zu verteilen – dabei haben Grüne und Linkspartei Anspruch auf je zwei Stellen, SPD und CDU dürfen je eine besetzen.
Die 43-Jährige Anders-Granitzki ist nach eigenen Angaben in einem „Plattenbau im wunderschönen Weißensee“ aufgewachsen, und trat 2000 in die CDU ein. Im Alter von 23 Jahren kandidierte sie für die Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV), wurde später stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Sie arbeitet an einem Oberstufenzentrum sowie als Dozentin in der Erwachsenenbildung. Wir haben mit ihr am Telefon gesprochen. [Der Text stammt aus dem aktuellen Pankow-Newsletter. Den können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]
Frau Anders-Granitzki, wo erreichen wir Sie? In der Pause, ich habe in zehn Minuten die nächste Unterrichtsstunde. Ich arbeite als Lehrerin an einer Berufsschule in Neukölln.
Sie erleben die Berliner Schulmisere also aus erster Hand? Ich habe damit zu tun, ja (lacht).
Wollen Sie dieses Feld auch im Bezirksamt angehen? Sie wurden von der CDU als Stadträtin nominiert. Das ist jetzt eine Verhandlungssache zwischen den Fraktionen. Es ist in erster Linie an den Grünen, zu sagen, was sie möchten. Schule auf Bezirksebene dreht sich aber eher um Gebäude und Schulplatzentwicklung, weniger um inhaltlich-fachliche Themen. Ich glaube, es gibt in Pankow generell viel zu tun – ich möchte an vielen Stellen mitgestalten.
Und welche Themen sind dabei die wichtigsten für Sie? Ich war im Wahlkampf wieder sehr viel im Bezirk unterwegs und habe viele Probleme aus erster Hand mitbekommen. Wir haben ein ganz drängendes Verkehrsproblem, an das wir rangehen müssen. Genauso wie an den Wohnungsmangel. Auch der Zustand des öffentlichen Raums und unserer Spielplätze ist bei weitem nicht so, wie wir das uns wünschen.
Der vermeintliche Verfall des öffentlichen Raums zeigt sich beispielhaft in der Debatte um den Weißen See. Was sagen Sie als gebürtige Weißenseerin dazu? Der Weiße See ist momentan in einem Zustand, der niemanden glücklich machen kann. Da müssen wir ganz dringend Konzepte umsetzen, wie er nachhaltig genutzt und nicht übernutzt werden kann
Welche schweben Ihnen vor? Wir müssen überlegen, wie man das Wildbaden an den verschiedensten Stellen möglichst eindämmt. Es gibt Gespräche mit dem Betreiber des Strandbads, etwa mehr Rettungsschwimmer einzusetzen, um auch die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten und größere Badeflächen im Strandbad einzurichten. Auch die Müllentsorgung im Park muss besser werden – da gibt es insbesondere an der Berliner Allee regelrechte Müllecken. Das wird dem Ansehen dieses Wahrzeichens im Bezirk nicht gerecht. Ich erinnere mich auch daran, wie ich als Kind auf dem Weißenseer Blumenfest war. Es ist unglaublich schade, dass das verschwunden ist, weil man es den Vereinen unglaublich schwer gemacht hat. Ich würde mir wünschen, dass das Blumenfest wieder stattfinden kann.
Wünsche darf man haben – aber die graue Realität im Bezirksamt holt auch die kühnsten Idealisten schnell ein. Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen? Mir ist klar, dass es keine paradiesischen Verhältnisse sind und wir nicht aus dem Vollen schöpfen. Aber ich will, dass wir die vorhandenen Mittel möglichst sinnvoll und effizient für die Pankower einsetzen.
Die Klagen von allen Seiten, doch mehr zu tun, werden trotzdem kommen. Ihre Ausreden auch: „Wir würden wirklich gern, haben dafür aber kein Geld und kein Personal.“ (lacht) Ich arbeite seit 2006 im öffentlichen Dienst in Berlin. Da eignet man sich ein dickes Fell an. Am Geld lag es bisher nicht. An falschen Prioritäten schon eher.
Sie haben also noch nicht resigniert? Nein. Ich bringe jede Menge Respekt vor der Arbeit mit. Aber auch jede Menge Lust, gestalten zu wollen. Ich bin auch in der Sache durchaus streitlustig. Ich unterrichte auch bewusst an einer Schule in Neukölln und nicht in Zehlendorf.
Und was haben Sie als Insiderin nach eineinhalb Jahren Schuldrama in der Pandemie für Lösungsvorschläge? Wir müssen ein Stückweit zurück zur Normalität. Inwieweit es ratsam ist, Grundschülern Impfangebote zu unterbreiten, vermag ich noch nicht zu beurteilen. Aber es ist nicht damit getan, nur den Lernstoff nachzuholen und die kognitiven Fähigkeiten in den Blick zu nehmen.
Sondern? Wir müssen auch besonders viel Zeit dafür einplanen, dass soziale Interaktionen zwischen den Kindern stattfinden können, die lange komplett weggebrochen waren. Das kann massive und nachhaltige Schäden bei Kindern anrichten. Ich finde es übrigens katastrophal, dass in der ganzen Pandemiezeit bisher so gut wie gar nicht über Kitas gesprochen wurde. Es kann nicht sein, dass es im Bundesland Berlin noch immer keine Lollitests gibt, sondern die Eltern das selbst bezahlen müssen.
Und Sie glauben, da als Stadträtin wirklich etwas bewirken zu können? Natürlich werden solche Themen eher auf Landesebene entschieden. Aber wir können als Bezirk schon Druck aufbauen, vor Ort konkret organisieren und Aufgaben an die Abgeordneten weitergeben. – Foto: privat – Text: Christian Hönicke
+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Pankow entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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