Intro

von Gerd Appenzeller

Veröffentlicht am 06.03.2019

Berlin hat als europaweit erste Stadt jetzt ein Konzept, um „Umweltgerechtigkeit“ zu messen. In einem 450-seitigen Bericht werden für die ganze Stadt, aufgeteilt in 447 Räume oder Kieze, gesammelte Daten präsentiert, die Auskunft geben über Lärm, Luftqualität, Temperaturbelastungen, Bioklima und Versorgung mit Grün- und Freiflächen. Diese Daten werden in Zusammenhang gebracht mit sozio-ökonomischen Daten der Bewohner der jeweiligen Kieze. Meine Kollegin Fatina Keilani hatte diesen Bericht hier erstmals ausgewertet und ging dabei zwei Fragen nach: Wo leben Berliner besonders ruhig und gesund, mit wenig Lärm, guter Luft und viel Grünflächen. Und: Wo ist genau das Gegenteil der Fall?

Wenn man diese beiden Kriterienpakete in Zusammenhang stellt mit der sozialen Lage der Bewohner der Kieze, kommt man zu einer eigentlich nicht überraschenden, aber dennoch erschütternden Schlussfolgerung: Je lauter und ungesunder das Leben in einem Kiez ist, desto ärmer sind seine Bewohner, desto öfter droht Arbeitslosigkeit. Auch das kann sich als Belastung auswirken, denn die Mortalität und die Krankheitsrate steigen, je niedriger der Sozialstatus eines Kiezes ist. In ganz Berlin gibt es fünf Wohngebiete, in denen diese fünffache Belastung der Lebensqualität auftritt. Drei davon liegen in Reinickendorf. Wörtlich heißt es in dem Bericht der Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz dazu: „Räumlicher Schwerpunkt der Mehrfachbelastungen ist der Südosten von Reinickendorf. Vor allem geht es um die Planungsräume Letteplatz, Klixstraße, Scharnweberstraße und Dannenwalder Weg. Hier finden sich gründerzeitlich verdichtete, gemischte Strukturen in der Einflugschneise des Flughafens Tegel.“

Die Karten in dem Datenwerk sind nach diesen Kriterien geordnet: Lärmbelastung, Luftbelastung, Thermische Belastung, Grün- und Freiflächenversorgung, Soziale Problematik. Abgesehen von den drei extrem problematischen Quartieren ist insgesamt die Bilanz für Reinickendorf nicht schlecht. So heißt es wiederum wörtlich: „Der Bezirk bewegt sich sowohl beim Anteil mehrfach belasteter Räume als auch beim Anteil Betroffener an der Gesamtbevölkerung unter dem Berliner Durchschnitt….“ Bei der Versorgung mit Grün- und Freiflächen liegt Reinickendorf in der Spitzengruppe. Das tröstet aber nicht über eine Erkenntnis hinweg: So lange der Flughafen Tegel nicht geschlossen ist, werden in Reinickendorf (und Spandau) zehntausende von Menschen in einem ganz extremen Ausmaß durch Lärm und Luftverschmutzung tangiert. Die Bequemlichkeit der Offenhaltung von Tegel wird also durch erhöhten Leidensdruck der Bevölkerung in der Anflugschneise erkauft.

Der „Basisbericht Umweltgerechtigkeit“ macht eine furchtbare Kausalkette deutlich: Warum leben in lauten und umweltbelasteten Quartieren vorwiegend arme Menschen? Weil da die Mieten am niedrigsten sind. Warum leben in lauten und umweltbelasteten Gebieten wenig wohlhabende und gebildete Menschen? Weil sie sich entweder teurere Wohnungen in weniger belasteten Regionen der Stadt leisten können oder wollen, oder über die Zusammenhänge zwischen Lärm, Umweltbelastung und Gesundheitsrisiken Bescheid wissen und deshalb bereit sind, mehr Geld für Wohnen auszugeben. Denn: Je höher der Bildungsgrad, desto bewusster ist der Umgang mit Umweltgefahren und auch mit Ernährungsfragen. Gesunde Ernährung ist weniger eine Frage des Geldes, als des Wissens um Belastungen etwa durch Fast Food. Den ganzen Bericht können Sie unter diesem Link nachlesen: tagesspiegel.de

Gerd Appenzeller, geborener Berliner, ist seit 24 Jahren Mitglied der Tagesspiegel-Redaktion, war Chefredakteur und Herausgeber. Als er 1994 mit seiner Familie in die alte Heimat zurückkam, zog er nach Hermsdorf, denn dort hat er auch seine Kindheit verbracht und dort leben auch sein Bruder und dessen Frau. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an gerd.appenzeller@tagesspiegel.de

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