Intro
von Gerd Appenzeller
Veröffentlicht am 25.03.2020
Am Flughafen Berlin-Tegel ist gut was los in diesen Stunden. Der SPD-Politiker Daniel Buchholz will den Flughafen TXL am liebsten morgen schließen, weil dort in der Corona-Krise eh kaum einer fliegt („Kräfte in Schönefeld bündeln, Geld sparen“). Auf der anderen Seite will die Bundeswehr aus TXL gar nicht mehr wegziehen. Oder besser: Die Bundeswehr hat jetzt mal ganz deutlich bekräftigt, bis 2029 mit Hubschraubern in Tegel abzuheben („keine geeignete Infrastruktur am BER für die drei mittelschweren Hubschrauber“). Die Hubschrauber der Flugbereitschaft sind übrigens letztes Jahr knapp 70 Mal eingesetzt worden – hier der aktuelle Tagesspiegel-Text meines Kollegen Christian Hönicke.
Die Corona-Krise hat aber auch unmittelbare Folgen am TXL. Wegen des Einbruchs des Flugbetriebs um 90 Prozent haben die Berliner Flughäfen die Einführung von Kurzarbeit für ihre 2200 Beschäftigten beschlossen. Dazu sei ein Antrag beim zuständigen Arbeitsamt gestellt worden, teilt der Betreiber FBB der Flughäfen Berlin-Tegel und Schönefeld mit. Ziel sei es, Entlassungen durch eine Reduzierung der Arbeitszeit zu vermeiden. Gemeinsam mit dem Betriebsrat sei beschlossen worden, das gesetzliche Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Nettoentgelts aufzustocken. Alleinerziehende sollen 90 Prozent erhalten.
Möglicherweise gewinnt aber die TXL-Problematik nun aber eben auch eine ganz andere Dimension: Seit gestern wird im politischen Raum und in der Spitze der Flughafengesellschaft, FBB, offen eine schnelle Schließung von TXL diskutiert – und nicht erst in sieben Monaten. Zuerst sprach Rainer Bretschneider, der aller Effekthascherei unverdächtige Aufsichtsratschef der FBB, diesen Gedanken in einer Telefonkonferenz aus: Das wird in den nächsten Tagen und Wochen zu entscheiden sein, sagte er laut Tagesspiegel (hier der Text meines Kollegen Thorsten Metzner). Dann legte der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz aus Siemensstadt nach: „Jetzt ist der genau richtige Zeitpunkt.“ Prompt war das Geraune groß – und inspirierte heute früh Künstlerin Naomi Fearn bei ihrem täglichen Berlin-Comic im „Tagesspiegel Checkpoint“: hier ist er.
Und was hält Reinickendorf davon? Ich frage den Reinickendorfer SPD-Abgeordneten und erklärten TXL-Gegner, Jörg Stroedter, wie er die Sache sieht. Sein Kommentar: Finde ich gut. Dies allerdings mit einer Einschränkung: Die Passagierströme müssten in Schönefeld-Alt so entzerrt werden, dass sich infizierte Reisende nicht gegenseitig anstecken. Das ist ja im Moment das von ankommenden Passagieren heftig beklagte Problem in Tegel: In überfüllten Bussen werden die Ankommenden in das „Großraumbüro“ Terminal C gefahren, wo sich wirklich alle auf der Pelle hocken. Am Terminal A hingegen könnte man die Reiseströme wegen der verschiedenen Fingerdocks leicht entzerren.
Was in der Debatte keine kleine Rolle spielen dürfte: Alle finanziellen Lasten aus dem Jobverlust und massiven Umsatzeinbrüchen der Geschäfte könnten bei einer letztlich seuchenbedingten Schließung von TXL vom Bund aus den jetzt beschlossenen, milliardenschweren Rettungspaketen finanziert werden.
Nun aber zu dem, was im Moment alle Menschen bewegt: Corona. Wir alle kennen den Satz, der nach einschneidenden Ereignissen immer wieder fällt: es wird nie wieder so sein wie früher. Meistens geht das Leben dann dort irgendwie weiter, nach Naturkatastrophen und schweren Unglücken. Wann die Nach-Corona-Zeit beginnen wird, wissen wir heute nicht. Keiner kann uns sagen, wie lange es bis zur Entwicklung einer Impfung dauern wird. Wenn erste Erfolge nicht täuschen, gibt es aber relativ bald Erfolge beim Einsatz von Medikamenten, die ursprünglich gegen ganz andere Krankheiten entwickelt worden waren, die sich nun aber auch als geeignet bei schweren Fällen der Viruserkrankung zeigen. Das macht Hoffnung für all jene, die heute noch auf Intensivstationen liegen, oder gar künstlich beatmet werden müssen.
Was wir aber alle gelernt haben, ist Demut und Dankbarkeit. Demut vor einer Gefahr, die uns alle, in unserem manchmal so prahlenden Selbstbewusstsein, ganz klein machen angesichts einer lautlosen und kaum berechenbaren Gefahr für unser Leben – und das gilt nicht nur für die Älteren unter uns. Aber gelernt haben wir auch wieder, dankbar zu sein. Dankbar für oft schlecht bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Supermärkten, die den Ansturm manchmal ratloser, oft aber auch aggressiver Kunden ertragen, ob wohl sie, zum Beispiel an den Kassen, einer hohen Infektionsgefahr ausgesetzt sind. Dankbar für die Arbeit vom Zustellerinnen und Zustellern, Polizei und Feuerwehr. Dankbar vor allen anderen aber den Pflegern, Krankenschwestern und Ärzten in den Praxen und Krankenhäusern. Dankbar den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, in dem alle Schutzmaßnahmen koordiniert werden – in der letzten Woche habe ich Ihnen an dieser Stelle das Team um Patrick Larscheid vorgestellt, der das Gesundheitsamt leitet, und der sich einen berlinweiten Ruf als konsequenter Bekämpfer dieser Pandemie gezeigt hat, weil er schon zu einem Zeitpunkt eine rigorose Einschränkung des öffentlichen Lebens forderte, als im Senat und in anderen Bezirken noch eine gewisse Laissez-faire-laissez aller-Mentalität herrschte.
Heute möchte ich Ihnen in der Rubrik „Nachbarschaft“ zwei Frauen vorstellen, die als Krankenhaus-Seelsorgerinnen im Humboldtklinikum Trost zusprechen und versuchen, Verzagten und Verzweifelten Halt zu geben. Ich habe mit der Protestantin Gabriele Smend und ihrer katholischen Kollegin Luzia Hömberg über Seelsorge im Krankenhaus in Zeiten von Corona gesprochen.
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Gerd Appenzeller, geborener Berliner, ist seit 25 Jahren Mitglied der Tagesspiegel-Redaktion, war Chefredakteur und Herausgeber. Als er 1994 mit seiner Familie in die alte Heimat zurückkam, zog er nach Hermsdorf, denn dort hat er auch seine Kindheit verbracht und dort leben auch sein Bruder und dessen Frau. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an gerd.appenzeller@tagesspiegel.de