Intro

von Gerd Appenzeller

Veröffentlicht am 17.06.2020

Die Vorgeschichte. Lorenz Maroldt und Harald Martenstein, Tagesspiegel-Chefredakteur und Tagesspiegel-Kolumnist und Bestseller-Autor, haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Es sollte 100 Kapitel haben, wurde aber schon nach Kapitel 13 vorgestellt. Ich hatte darüber im Reinickendorf-Newsletter geschrieben, und auch angedeutet, dass sich Martenstein in seinem Kapitel über Reinickendorf nicht als ausgesprochener Liebhaber unseres Bezirks geoutet hat. Und ich meinte dann, dass dieser Bezirk auch schwierig zu fassen sei – wörtlich hieß es dann: „Ich habe das Gefühl, er ist mit unserem Bezirk nicht so richtig warm geworden. Ist ja auch schwierig. Ländlich wie Lübars, fein wir Frohnau, derb wie das Märkische Viertel, laut wie der  Kurt-Schumacher-Platz, wenn nicht gerade Corona tobt.“

Was dann geschah. Mein Text wiederum hat Newsletter-Leserin Marianne Schwarz aus dem Märkischen Viertel ziemlich genervt, und das hat sie mir auch geschrieben, und zwar so.

  • „Da haben wir es wieder: Derbes MV und feines Frohnau! Hören Sie endlich auf mit Ihren Vorurteilen!!! Es hört einfach nicht auf! Ich habe in Frohnau in einem Kaffee gesessen und eine Frau gesehen, die schrecklich bunt am ganzen Körper war. Geschlagen? Gefallen? Jedenfalls habe ich so etwas in 50 Jahren MV nicht gesehen und mich sehr erschrocken!
  • Ja, auch wir haben ein paar schwierige Menschen und sehr viele Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund! Sie werden halt hierher geschickt, weil es hier noch ein paar frei werdende Sozialwohnungen gibt!
  • Ansonsten machen die meisten wie überall in Deutschland ihre Arbeit und eilen jeden Tag an ihre Arbeitsplätze und ackern für sich und für Deutschland. Nur deshalb geht es uns hier etwas besser finanziell in Deutschland, aber genau weiß ich das nicht, denn Italiener haben mehr Besitz als wir Deutsche und viele Italiener machen einen glücklicheren Eindruck. Weitere Beispiele spare ich mir.
  • Was man sich unbedingt sparen sollte: Studien über das MV! Ich hasse das! Erst schickt man alle möglichen Menschen hierher und dann wird geschaut, was wir hier machen und ob wir bald ausrasten Dank der Überfremdung!
  • Wir sind kein Zoo zum Beobachten! Ganz Berlin ist voll von Ecken der Überfremdung. Es ist doch ganz klar: Die guten oder schlauen Menschen werden sich integrieren, die kriminellen oder gewalttätigen Menschen eben nicht. Natürlich hat Frohnau davon weniger, dort wohnen die schon lange dort Heimischen mit meist besserem finanziellen und meist studiertem Hintergrund. Na und, sind das immer bessere Menschen? Oder sind das auch Steuerhinterzieher, zum Anwalt Rennende bei jeder Kleinigkeit?
  • Ich bin jedenfalls nicht grob, sondern sensibel und male und lese gerne. Aber ich möchte nicht in die Kiste „grobes MV“ gesteckt werden!!! Mir reicht es schon, dass in den 70er Jahren eine Fotografin Bilder vom MV fälschte, indem sie Kinder in Lederhosen in trostloser Nur-Beton-Umgebung fotografierte, wo 50 Meter weiter ein riesengroßer Kinderspielplatz war und noch immer ist. Da brauchte man sich dann über die Wortschöpfung „Langer Jammer“ nicht mehr wundern! Es waren immer die anderen, die über uns lästerten.
  • Machen Sie und Ihre Kollegen endlich Schluss mit Schubladendenken – es reicht. Ich würde gerne mal solche Dinge öffentlich klar stellen. Wo bleibt da die Humanität und die Gleichbehandlung?
  • Sind Sie doch froh, dass nicht alle verteilt auf der Fläche wohnen. Dass es Menschen gibt, die mit einer pflegeleichten Wohnung zufrieden sind. Die schon glücklich sind, dass sie einen festen Autoparkplatz haben und ansonsten ihre Ruhe und kurze Wege zum Park und Einkaufzentrum! Und ein gutes Netz beim Öffentlichen Nahverkehr und freie Sicht bis in die City. Wer hier wohnt, dass können wir leider nicht beeinflussen. Da gibt es keinen 500.000,00-€-Riegel wie für Frohnau.
  • Das einzige was stimmt: Wir Reinickendorfer passen nicht zu Berlin-Mitte, wir sind Provinz. So kann es auch bleiben. Marianne Schwarz“

Meine Frage: Wenn Sie auch Ihrem Herzen Luft machen wollen – bitte sehr, die Debatte über Reinickendorf, wie es ist, oder auch nicht, ist hiermit eröffnet. Mail bitte (aber nicht anonym) an: gerd.appenzeller@tagesspiegel.de – Text: Gerd Appenzeller
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Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf. Die Tagesspiegel-Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke (mit schon 215.000 Abos) gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de.
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