Kiezkamera

Veröffentlicht am 04.09.2019 von Gerd Appenzeller

Die „Alte Waldschänke“, zu der wir in unserem Archiv einen 70 Jahre alten Tagesspiegel-Text ausgegraben haben (siehe unten), finden Besucher einen Kilometer vor Berlin-Tegel an der Karolinenstraße. Sie war schon vor mehr als 350 Jahren eine beliebte Einkehrstelle. Damals lag der Fachwerkbau, der ursprünglich Teil eines ganzen, zum Schloss Tegel gehörenden Gebäudeensembles war, weit vor den Toren Berlins. Es war seit 1650 eine Raststelle für Reisende, Handwerker und Händler, die auf dem Weg nach Berlin eine Ruhepause für sich und ihre Kutschpferde brauchten. Deswegen hieß die Waldschänke auch noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Volksmund Kutschkneipe. Das heutige Gebäude ist im Kern wohl noch das um 1770 errichtete Haus, das aber 1990 fast abgerissen worden wäre: Ein betrunkener Autofahrer hatte in der Kurve der Karolinenstraße die Gewalt über sein Fahrzeug verloren, war in den Eingangsbereich des denkmalgeschützten Gebäudes hinein gerast und hatte das Haus fast zum Einsturz gebracht. Hier unter diesem Link können Sie das Bild des Fotografen Stefan Nowak sehen, mit dem der Tagesspiegel seinerzeit über den Vorfall berichtet hat. Die heutigen Eigentümer haben das Haus unter dem Namen „Wiesenstein“ im Herbst 2011 wieder eröffnet und führen die Tradition gewissenhaft fort – als Ort der Einkehr nach Wanderungen und Radtouren erfreut sich die Alte Waldschänke ungebrochener Beliebtheit.

„Tegeler Jubiläums-Cocktail“, unter dieser Überschrift berichtete der Tagesspiegel am 30. August 1949: „Im Jahre 1652 wird das Dorf Tegel zum erstenmal in einer Urkunde erwähnt, und nicht viel später haben die Berliner den in Mischwald gebetteten Ort am See als Ausflugsziel entdeckt. Schon im Jahre 1660 wurde die „Waldschänke“, das zweitälteste Lokal Berlins, erbaut und bald folgen, um dem ständig wachsenden Zustrom der Gäste zu genügen, der ‚Krug‘, der ‚Nußbaum‘, die ‚Ratsstuben‘, das ‚Seeschlößchen‘ und viele andere. Durch seine historischen Gaststätten ist Tegel heute mehr als durch das kurfürstliche Jagdschloß und das Grabmal von Alexander und Wilhelm von Humboldt bei den Berlinern bekannt, und wer das Schloßrestaurant besucht, der wird von dem Besitzer hören, daß Goethe am 20. Mai 1778 bei einem Besuch der Brüder Humboldt in.seinem Lokal eingekehrt ist. Gegenwärtig gibt es 72 Gaststätten in Tegel und Umgebung, und anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der dortigen Gastwirte-Innung veranstalten ihre Besitzer am 10. und am 11. September einen, großen Umzug mit anschließendem Volksfest. Eingeleitet werden die Festlichkeiten durch den ‚Jubiläums-Cocktail‘. Unter diesem Namen werden artistische und künstlerische Darbietungen in den beiden größten Kinos des Ortes gezeigt. Am nächsten Morgen findet nach einem großen Platzkonzert auf dem Schloßplatz der historische Umzug durch die Straßen statt, und auf der Festwiese vor dem Schloß ist ein großes Volksfest geplant.“ Text + Foto: Gerd Appenzeller –
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