Kiezkamera

Veröffentlicht am 22.04.2020 von Gerd Appenzeller

Wie war das, als die sowjetischen Truppen Ende April oder Anfang Mai 1945 in Berlin einmarschierten? Gibt es noch Zeitzeugen, die sich an diese Tage erinnern? Oder deren Kinder und Enkel, die schildern können, was ihnen die Großeltern- und Elterngeneration darüber erzählten? Diese Fragen habe ich im Reinickendorf-Newsletter gestellt, und angekündigt, dass der Tagesspiegel diese Zeitzeugenerinnerungen veröffentlichen wird.

Die große Resonanz darauf hat mich sehr berührt. Newsletter-Leser Lutz Esser hat mich auf eine geradezu bizarre Erscheinung aus den letzten Kriegsmonaten hingewiesen. Es waren Monate in denen durch die anhaltenden Bombenangriffe ganze Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt wurden. Tausende, vermutlich sogar zehntausende verloren dabei ihr Leben, noch mehr aber standen über Nacht ohne Wohnung da.

Wo sollte man diese Menschen unterbringen? Für die Randbezirke Berlins hatte das NS-Regime eine Idee: Der „Reichswohnungskommissar“ ließ ein Behelfsheim entwickeln, in dem auf einer Grundfläche von 4,50 auf 5,10 Metern zwei Erwachsene und bis zu vier Kinder untergebracht werden konnten. Auf knapp 23 Quadratmetern fand auch noch eine Küche Platz, in dieser so genannten „Wohnküche“ schliefen die Eltern.

Auf mehr als zehn Seiten schilderte ein Professor Dr.-Ing. Hans Spiegel (er starb 1987 im Alter von 94 Jahren) in der Zeitschrift „Der Wohnungsbau in Deutschland“ im Mai 1944 alle Details der „Gestaltung und Ausführung des Behelfsheimes“.

Warum ich Ihnen das erzähle? Lutz Esser hat im Norden Berlins in den Wäldern die Reste solcher Behelfsheime entdeckt – und jetzt schauen Sie sich das Bild oben in Ruhe an. Es zeigt Lutz Esser inmitten der erhalten gebliebenen Fundamente. Er selber hat das Landesdenkmalamt über den Fund informiert. Der genaue Ort soll geheim bleiben, weil die Denkmalschützer fürchten, dass Neugierige und die Sammler eher makabrer Souvenirs die Fundstelle verwüsten.

Lutz Esser schreibt mir, anhand der gut erhaltenen Grundmauern und der relativ standardisierten Bauweise könne die wahrscheinlichste Aufteilung des Wohnraums immer noch leicht zugeordnet werden. Dabei erstaune aus heutiger Sicht insbesondere sehr die geringe Größe der Heime. Dieser Grundriss war übrigens durch den Staat vorgegeben, in dem oben zitierten Text von Hans Spiegel heißt es wörtlich: „Ein Vergrößern dieses Grundrisses aber bleibt durch die Kriegsnotwendigkeiten gebieterisch verboten“.

Hier ein aktuelles Bild aus dem Wald mit noch größerer Ansicht: https://viadukt.de/Tagesspiegel/Behelfsheim.jpg

  • Auszüge aus dem Tagebuch des späteren Tagesspiegel-Gründers Erik Reger gibt’s bei Twitter, hier der Tweet zum 22. April 1945, es geht um das „Fassadenregime der Nationalsozialisten“ – und hier der Link.

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Meine weiteren Themen aus dem Reinickendorf-Newsletter – eine kleine Auswahl

  • Notquartiere im Tegeler Forst: Die unglaubliche Geschichte der Behelfsheime am Ende des Zweiten Weltkrieges
  • Der marode Brunnen im Märkischen Viertel: Was soll da eigentlich gebaut werden?
  • Bezirksamt in Corona-Zeiten: Was macht Frank Balzer jetzt eigentlich so
  • Und die Wasserbüffel? Sie kommen vermutlich am 4.oder 5. Mai, sagt ihr Besitzer
  • Ein neues Kinderbuch: Testleserinnen und Leser gesucht
  • Jugendfußballer ohne Training: Viel mehr als ein Fitness-Problem
  • BSR öffnet Betriebshöfe wieder öfter
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