Kiezkamera

Veröffentlicht am 09.09.2020 von Gerd Appenzeller

Der Förster in seinem Revier. Da steht der 48-jährige Revierförster Frank Mosch nahe dem süd-östlichen Zipfel von Heiligensee in einem Mischwald an der Heiligenseestraße und wirkt ein wenig resigniert. Hinter ihm reckt sich eine Buche in die Höhe. Eine Buche, die an der Spitze völlig trocken ist, die letzten gelben Blätter bewegen sich leicht im Wind.

Dieser Baum ist einer von 47, die er jetzt fällen lassen muss – und dass in der Sprache der Waldmenschen dafür der Begriff „entnehmen“ statt des brutalen Wortes „fällen“ verwendet wird, macht die Sache ja nicht angenehmer. Den Bäumen fehlt teilweise schon die Rinde vom Stamm.

Daraus kann man nicht mal mehr Parkett machen, das ist nur noch Feuerholz. Und weil die vorbeifahrenden Heiligenseer und die Spaziergänger gar nicht glauben, dass die Lage so ernst ist, will er nun mit Interessierten Waldbegehungen machen, ihnen zeigen, was hier auf den 720 Hektar Mischwald der Försterei Tegelsee Sache ist.
Ja, in diesem Sommer hat es geregnet, aber die Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 hat der Vitalität der Bäume schwer geschadet. Eben resigniert, aber nicht deprimiert: Das ist die Gefühlslage von Frank Mosch.

Er ist sicher, dass es auch künftig irgendeine Art von Wald geben wird, und dass es bestimmt auch mal wieder regnet – und den Regen, der braucht sein Wald nun einmal.  Der Grundwasserspiegel liegt bei vier Meter, da kommen nicht alle Bäume ran. Und als in den Jahren 2008 und 2009 neue Tiefbrunnen zur Trinkwasserversorgung gebaut wurden, und der Grundwasserspiegel vorübergehend deutlich gesenkt wurde, da „fielen die Eichen alle trocken und verreckten“. Und als der Grundwasserspiegel dann plötzlich wieder deutlich angehoben wurde, standen manche Wurzeln in der Staunässe. Das war auch nicht gut.

Was Frank Mosch eine gewisse innere Ruhe gibt: Er steht nicht unter ökonomischem Druck, er muss nicht jedes Jahr eine bestimmte Menge Holz liefern, weil der Finanzsenator diese Erlöse fest eingeplant hat. Früher, als er bei einem privaten Waldbesitzer angestellt war, ist das anders gewesen. Heute entscheidet Frank Mosch, wie auch alle anderen Berliner Förster, nur nach der Überlegung, was dem Wald gut tun würde. Aber natürlich gibt es auch da Diskussionen: Soll man nun alles Totholz liegen lassen, weil in der Natur ja auch niemand den Bruch abräumt? Oder sollten nicht die schlimmsten Verhaue doch beseitigt werden? Wie auch immer, in einem ist sich Frank Mosch mit seinem Hermsdorfer Kollegen Johannes Müller einig, mit dem ich eine Woche davor gesprochen habe.

Wir haben es dem ersten französischen Stadtkommandanten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu verdanken, dass es dem Reinickendorfer Wald vergleichsweise gut geht: Während die amerikanischen, britischen und sowjetischen Stadtkommandanten die Berliner Wälder abholzen ließen, um Reparationen beizubringen, ließ der Franzose den Wald weitgehend in Ruhe. Er verstand nämlich etwas vom Waldbauerntum. – Foto: Gerd Appenzeller

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