Kiezkamera

Veröffentlicht am 28.04.2021 von Gerd Appenzeller

Die Seelenverkäufer von Berlin-Tegel. Da, wo Tegel nicht am feinsten ist, und wo die Touristen kaum hinkommen, in der Ziekowstraße, roch es plötzlich nach frischem Brot. Und es roch nach Kümmel. Diese verführerische Duftkombination war mir in Berlin noch nie in die Nase gekommen. In meiner Erinnerung ist sie an einen anderen Ort gebunden – an den Konstanzer Wochenmarkt, auf dem ein Bäcker aus Oberschwaben frische Seelen anbot. Es ist mehr als ein Vierteljahrhundert her.

Sie kennen Seelen nicht? Sie sehen aus wie ein kleines längliches Graubrot aus Dinkel- und Weizenmehl. Das ist mit Kümmel und grobem Salz bestreut. Der Sage nach entstand es im Mittelalter in der Umgebung von Ravensburg. Ein Bäcker soll geschworen haben, er werde künftig an Allerseelen jedem Bettler ein Brot schenken, wenn die Stadt von der Pest verschont würde. Da der Schwabe zur Sparsamkeit neigt, ist die Seele nur ein kleines Brot.

Und nun steht vor einem Hochhaus in der Ziekowstraße ein grauer Kasten, groß wie ein Container, aus dem schnuppert es himmlisch. Eine Glasklappe öffnet sich, ein Wuschelkopf taucht auf. Den frage ich, ob das etwa Seelen seien, die da duften. Ja, strahlt er.

Glauben Sie mir, es waren die besten Seelen, die ich jemals gegessen habe. Der Wuschelkopf ist übrigens Amerikaner und heißt Michael Grubb. Ich kaufe aber auch schon bei Benjamin Tugwell aus den USA, auch er ein Bäckermeister. Und die Seele am vergangenen Samstag, und den Zuckerkuchen (ja, gibt’s da auch) verpackte mir mit einem Lächeln Helena Getahun aus Addis Abeba. Auch sie ist Bäckermeisterin.

Was es da in der Tegeler Ziekowstraße gibt, ist kein Bäckervollsortiment, wie man es bei guten Bäcker-Handwerkern bei uns im Bezirk auch kaufen kann, nein, es ist eine kleine und ganz besondere Auswahl, gebacken von Profis aus der ganzen Welt, die sich bei Domberger zusammengefunden haben.

Gebacken wird von Dienstag bis Samstag, nicht nur Seelen. Aber die sind, das muss nun auch noch gesagt werden, hier deutlich größer als bei den  Schwaben. Mein Kollege Kai Röger hat über die Domberger Bäcker schon vor vier Jahren im Tagesspiegel geschrieben. Mögen Sie es mal lesen? Hier sein Tagesspiegel-Text.

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Dieser Text von Gerd Appenzeller schien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf. Über 245.000 Abos haben unsere Bezirksnewsletter schon. Suchen Sie sich Ihren Bezirk aus – jetzt hier: leute.tagesspiegel.de