Namen & Neues

Berlin gründet Regenwasseragentur - Frohnau hat das seit mehr als 100 Jahren

Veröffentlicht am 09.05.2018 von Gerd Appenzeller

Das Land Berlin und die Berliner Wasserbetriebe haben gemeinsam eine Berliner Regenwasseragentur gegründet. Sie ist bei den Wasserbetrieben angesiedelt und soll die Berliner Verwaltung, Planer und Bürger bei der Umsetzung dezentraler Lösungen für einen neuen Umgang mit Regenwasser unterstützen, damit Berlin wassersensibler und klimaangepasster wird. „Die Gründung der Regenwasseragentur ist ein wichtiger Schritt Berlin als lebenswerte Metropole zu erhalten“, sagt Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (parteilos, für Die Grünen). „Neue Herausforderungen wie zunehmende Starkregenereignisse und Hitzewellen durch den beschleunigten Klimawandel verlangen neue Antworten. Die dezentrale Bewirtschaftung von Regenwasser ist hier ein wichtiger Baustein. Die Regenwasseragentur soll zentraler Treiber in der Stadt für diese Anpassungsprozesse werden.“

„Durch die rasant zunehmende Verdichtung und Versiegelung Berlins müssen immer größere Mengen Regenwasser abgeleitet und unsere Infrastruktur noch leistungsfähiger gestaltet werden“, erklärt Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe. „Die Ausbaumöglichkeiten der zentralen Systeme sind jedoch begrenzt. Deshalb gewinnt die dezentrale Bewirtschaftung von Regenwasser dort, wo es anfällt, auf Grundstücken oder im Straßenraum, als Ergänzung von Kanalisation und Reinigungsanlangen immens an Bedeutung.“

Leiterin der neuen Berliner Regenwasseragentur ist Dr. Darla Nickel. Die Ingenieurin beschäftigt sich seit langem mit urbanem Wassermanagement und Anpassungsstrategien an den Klimawandel. „Durch die Ergebnisse des interdisziplinären Forschungsvorhabens KURAS – Konzepte für urbane Regenwasserbewirtschaftung und Abwassersysteme –, an dem auch die Berliner Wasserbetriebe maßgeblich beteiligt waren, wissen wir wie vielfältig die Vorteile einer dezentralen Regenwasserbewirtschaftung sind. Es steht eine breite Palette technischer, stadtgestalterischer und miteinander kombinierbarer Maßnahmen zur Verfügung.“ Diese Lösungen bei Planern, Bauherren, Behörden, Berliner und Berlinerinnen populär zu machen und die Akteure zu vernetzen und zur Umsetzung zu befähigen sei vornehmstes Ziel der Agentur. Hierfür sensibilisiert sie für die Notwendigkeit einer wassersensiblen Stadtentwicklung, stellt Informationsgrundlagen bereit und ermöglicht durch gezielte Aktionen wie Werkstätten einen regen Erfahrungsaustausch.

Sowohl bei Neubauvorhaben als auch in Bestandsgebieten fordert das Land Berlin die Bewirtschaftung von Regenwasser vor Ort. Maßnahmen zu dessen Rückhaltung, Versickerung und Verdunstung wie Gebäudebegrünung, Mulden oder Entsiegelung verbessern durch die „Verbindung von Blau und Grün“ den Gewässerschutz, das Mikroklima und die Aufenthaltsqualität.

Für die Frohnauer sind das alte Hüte, im übertragenen Sinne. Denn die Planer der Gartenstadt Frohnau haben schon vor mehr als 100 Jahren darüber nachgedacht, wie man heftiger Niederschläge Herr werden könne. 1907 erwarb Guido Graf Henckel Fürst zu Donnersmarck die Stolpische Heide und gründete dort die Gartenstadt „vornehmlich für wohlhabende Berliner, die der Stadt mit ihren Geschäftshäusern, Banken, Vergnügungsstätten und dem lärmenden Verkehr den Rücken kehren wollten“, wie es in dem vergriffenen Standardwerk „Geklärt – 125 Jahre Berliner Stadtentwässerung“ heißt, auf das mich Stephan Natz, der Sprecher der Wasserbetriebe hinwies.

Den städtebaulichen Wettbewerb für die Gestaltung der Gartenstadt Frohnau gewannen die Charlottenburger Professoren Joseph Brix und Felix Genzmer, die nicht nur die Gründer des ersten Instituts für Städtebau waren, sondern auch hygienische Aspekte in die städtebauliche Planung einführten. Da die nächsten Flussläufe oder Seen für eine Entwässerung nach Regenfällen viel zu weit entfernt lagen, musste ein System gefunden werden, dass sich bei der Aufnahme größerer Regenwassermengen selbst am Leben erhält – so wurden 19 Versickerungsbecken angelegt, in die über gepflasterte Straßen das Regenwasser hinein geleitet wurde. Das System hat sich bis heute überall da bewährt, wo es nicht durch menschliche Ungeschicklichkeit lahm gelegt wurde. So führt die Asphaltierung von Straßen dazu, dass Versickerungsflächen im großen Ausmaß wegfielen. Außerdem wurden die Versickerungsbecken nicht immer gereinigt. Allerdings hat die Politik aus ihren Fehlern gelernt, die Frohnauer fahren bis auf den heutigen Tag mit ihrem naturnahen System der Regenversickerung sehr gut.

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