Namen & Neues
Arbeitslos vor Weihnachten: Der Frust in der Tegeler Markthalle
Veröffentlicht am 02.10.2019 von Gerd Appenzeller

Wie geht es weiter mit der Markthalle in Tegel? Ganz unmittelbar tangiert diese Frage die Händler und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der provisorischen Unterkunft, und selbstverständlich deren Kundinnen und Kunden. Zum 31. Dezember dieses Jahres müssen sie ihre Stände geräumt haben. Das hat ihnen Investor Harald Huth in der vergangenen Woche mitgeteilt – ich hatte hier im Tagesspiegel berichtet. Ein halbes Jahr werden sie auf jeden Fall in der Luft hängen, frühestens im nächsten Sommer kann die neue Markthalle gegenüber bezogen werden. Ob das für einige der Händler das endgültige Aus ist, kann im Moment niemand sagen. Für viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht in anderen Ladengeschäften der Tegeler Händler unterkommen können, bedeutet es auf jeden Fall, dass sie sich arbeitslos melden müssen – eine Horrorvision, und das unmittelbar vor Weihnachten.
Leere Stellen in der Halle, warme Worte an der Fassade. Eine Plakatwand vor der Markthalle soll Optimismus verbreiten. Da heißt es: „Unsere Markthalle hat weiterhin für Sie geöffnet. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!“ Drinnen aber sieht es erst einmal leer aus. Gewohnte Stände fehlen, und ein Händler sagt mir heute Morgen auf Nachfrage: „Wie es weiter geht, weiß ich nicht. Hier jedenfalls nicht!“

Millionen-Baustelle Gorkistraße: Hertie, Karstadt und die Folgen für die Markthalle. Wie es und wann weiter geht, hängt vom Fortschritt der Bauarbeiten auf beiden Seiten der Gorkistraße ab. Klar war immer, dass die Markthalle jetzt nur ein vorübergehendes Domizil hat, denn auch dieser Teil der alten Gebäude wird abgerissen werden müssen, wenn das Gesamtprojekt im Herbst-Winter 2021 fertiggestellt sein soll. Bis dahin muss aber erst einmal das alte Hertie-Kaufhaus verschwinden und der an dieser Stelle geplante Neubau fertiggestellt werden. Bereits im Herbst 2020 soll das Karstadt-Warenhaus auf der anderen Seite der Gorkistraße eröffnen (hier zeige ich Ihnen Simulationen), und spätestens zu diesem Zeitpunkt auch die neue Markthalle – was vielleicht aber auch schon im Sommer sein könne, meint Harald Huth. Er macht aber alle Zeitangaben unter Vorbehalt – wegen der Unwägbarkeiten des Bauens, schreibt er mir. Erste befahrbare Parkplätze werde es hoffentlich im Herbst 2020 geben.

Ich bekam Post vom Investor zur Markthalle. Harald Huth selbst schreibt mir, er sei mit den Mietern in einem „regen und intensiven Austausch“. Er sei sich „ziemlich sicher, dass wir mit allen ganz vernünftige Regelungen getroffen haben und gerade die Mieter, die ausschließlich von der Markthalle gelebt haben, dürfen für sich vernünftige Lösungen mit uns als Vermieter gefunden haben, um die Neuanmietung der Markthalle sicherzustellen“. Und auch das Bezirksamt kann die Entwicklung eigentlich nicht kalt lassen. Die Baugenehmigung für das gesamte Vorhaben war auch davon abhängig gemacht worden, dass die Markthalle erhalten bleibt. Dafür hatte sich eine Tegeler Initiative, „I love Tegel“ und, allen voran, Felix Schönebeck, inzwischen Mitglied in der CDU-Fraktion der BVV, stark gemacht.
Oder kommt etwa der Umzug zum Borsigturm? Fakt ist aber auch, dass niemand dem Investor Vorwürfe machen darf, weil die derzeitige Halle im Zuge des Baufortschritts abgerissen werden muss. Eher stellt sich die Frage, ob es eine Zwischenlösung für die Händler geben kann, etwa die Nutzung einer leer stehenden Halle in der Nähe. Auf Dauer wäre sogar ein kompletter Umzug auf das ehemalige Borsig-Gelände, also westlich der Hallen am Borsigturm, eine Überlegung wert.
Die Kommunalpolitik in Reinickendorf reagiert bereits. Als erstes kam eine Stellungnahme der Fraktion der Partei Die Linke in der BVV. Darin heißt es, Investor Huth habe „die Baugenehmigung durch das Bezirksamt unter der Bedingung erhalten, dass die Markthalle erhalten bleibt…. Herr Huth und Bezirksbürgermeister, Hr. Frank Balzer hatten öffentlich versprochen, es würde für alle Geschäfte eine Zukunft im neuen Tegel Center geben.“ Nun müsse das Bezirksamt prüfen, ob der Investor in Regress genommen werden kann, „um eine Entschädigung für die in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdeten Marktbeschicker und ihre Beschäftigten und gegebenenfalls Ersatzräume bis zur Fertigstellung der Markthalle zu finanzieren.“ – Text: Gerd Appenzeller
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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf entnommen. Den gibt’s in voller Länge kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
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