Namen & Neues

Ein Kampf um die Vorfahrt? Diskussion über Radfahrer im Fließtal

Veröffentlicht am 14.10.2020 von Gerd Appenzeller

Selten hat ein Thema die Newsletter-Leserinnen und -Leser mehr aufgeregt als die Debatte über die Radfahrer auf den Wegen beidseits des Fließes. Seit die vor einigen Jahren gut ausgebaut wurden, hat die Zahl der Wanderer stark zugenommen – die der Radfahrer aber noch mehr. Dabei ist das kein Radweg, sondern ein Fußweg, der von Radfahrern benutzt werden darf. Und seitdem die gemütlich wirkenden Tourenräder mehr und mehr durch Mountain-Bikes verdrängt wurden, ist das Verhältnis zwischen Fußgängern und Radfahrern so ähnlich geworden wie zwischen durchschnittlichen Verkehrsteilnehmern und den Fahrern von SUVs. Man hat oft das Gefühl, der jeweils andere sei auf Krawall gebürstet.

Die Diskussion im Newsletter hatte Hans-Jürgen Stork vom Naturschutzbund, dem NaBu, vor vier Wochen mit dieser Zuschrift angestoßen: „Am vorletzten Samstag, 19. September, war ich mit einer kleineren NABU-Wandergruppe auf dem 2,5 m breiten Wanderweg zwischen Brandstraße und Egidysteg unterwegs und entging nur knapp zwei Zusammenstößen mit rasenden Radlern. Ein Mountainbiker schnitt in hohem Tempo bergab entgegenkommend eine unübersichtlich Kurve und wäre fast in meine Gruppe hinein gefahren. Wenig später näherte sich sehr schnell von hinten kommend ein Radrennfahrer, drängelte sich schimpfend durch die Gruppe hindurch und raste dicht an mir vorbei, ohne vorheriges Warnklingeln und ohne große Chance noch schnell beiseite zu springen.“ Andere würden ähnliche Erfahrungen machen, schreibt Stork.

Dazu meldet sich Lothar Hüttenheim aus Frohnau: „Es passiert meiner Frau und mir bei Spaziergängen in Frohnau oder in anderen Bereichen immer wieder, dass Radfahrer extrem rücksichtslos auf Fußwegen fahren und eine große Gefahr (insbesondere für Kinder) darstellen. Und jedes mal, wenn ich solche Radfahrer zur Rede zu stellen versuche, ernte ich stets Unverständnis, Frechheiten  –  bisweilen sogar Androhung von körperlicher Gewalt.“

Wolfgang Marohn aus Lübars schreibt: „Herr Stork vom NABU hat völlig recht: So wie es Kampfradler auf Straßen und Bürgersteigen gibt, fallen derartige Spezies auch auf den Fließtal-Wanderwegen unangenehm auf. Besonders ärgerlich ist, dass die wenigsten Radfahrer ihr Rad über die recht schmale Fließtal-Brücke zwischen Veltheimstraße und Vierrutenberg schieben, obwohl große Schilder „nur für Fußgänger“ installiert sind.“

Rosemarie Sonnemann sieht das Thema nicht ohne Ironie: „Auch ich benutze des öfteren als Radfahrerin und Fußgängerin den Fließtal-Wanderweg von der Egidystr. kommend, kann also beide Seite beurteilen. Erst einmal fand ich es lustig, dass Herr Stork überhaupt erwartet, dass ein Rennradfahrer sich mit Klingel bemerkbar macht. Ich jedenfalls habe noch kein Rennrad mit Klingel erlebt, weshalb dies so ist, weiß ich auch nicht. Ich vermute, eine Klingel wiegt zu viel oder ist nicht standesgemäß. Wenn ich mit meiner Fahrradgruppe unterwegs bin, werden wir regelmäßig von Rennradfahrern überholt, die nicht klingeln, bestenfalls die Stimme einsetzen. Man muss höllisch aufpassen.“

Leser Reinhard Klemm sieht auch eine Wetterabhängigkeit: „Vorab unsere Familienkonstellation – Ehepaar, etwa 60, ein Pkw im Bestand, zahlreiche Fahrräder. Unser Häuschen liegt im diskutierten Bereich und so führt der gelegentliche Spaziergang, aber auch der Weg zu Restaurants, zum Einkaufen etc. dort entlang. Auch mein Heimweg von der Arbeit mit dem Rad geht recht häufig dort mittendurch. Die Stresssituation ist Wochenend- (und Schönwetter-) geprägt. Wochentags ist der Umgang zwischen den Nutzern untereinander entspannt. Selten, dass ein (oder mehrere) Radler sich nicht benehmen und ebenfalls selten, dass Fußgänger sich gar nicht kooperativ verhalten“.

Rita Mohrmann meint, dass da etwas geschehen müsse. Sie schreibt: „Als Fußgängerin, die gerne spazieren geht und die Landschaft genießt,  ärgere ich mich oft über Dreistigkeit und Ignoranz vieler Radfahrer in dieser Stadt. (…) Ich wünsche mir, dass gerade in Naturräumen wie dem Tegler Fließ, Wanderwege von jeglichem Radverkehr frei gehalten werden.  Denn nur so kann endlich mal der eigene Gehrythmus gefunden und die Landschaft ungestört  genossen werden. Bei schönem Wetter an Wochenenden meide ich das Fließ ohnehin bereits, denn es bereitet mir keine Freude, alle paar Meter devot zur Seite zu treten, um drängelnde Radfahrer vorbei zu lassen“.

Man kann es aber auch anders sehen, wie Oliver Kirchgessner, der mir dies schreibt: „Wir sind privat direkte Anwohner am Tegeler Fließ (Moorweg) und gehen mehrfach am Tag mit unseren beiden Hunden dort spazieren. Und was soll ich sagen? Es klappt hervorragend. Nette und zurückhaltende Radfahrer, Lächeln, ein „Bitte“ und ein „Danke“ ist an der Tagesordnung. Mit dem ein oder anderen hat sich auch schon ein Schwätzchen ergeben. Das wollte ich nochmal loswerden. Wenn alle ein wenig Rücksicht nehmen, funktioniert das da hinter dem Haus prima.“

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+++ Hier die Themen der Woche:

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  • Wochenmarkt Frohnau: Markt bleibt Markt
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