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Neubau Rudolf-Wissell-Brücke - ohne Rad- und Fußweg

Veröffentlicht am 06.07.2022 von Lisa Erzsa Weil

Anfang des Jahres hat uns Verkehrs- und Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) einen stärkeren Fokus auf die Verkehrswende in den Außenbezirken versprochen. Sie wolle „die Mobilitätswende auch an den Stadtrand bringen“, sagte sie der „Berliner Morgenpost. Der VCD (Verkehrsclub Deutschland e.V.) beschreibt die Mobilitätswende als Teil der Verkehrswende, also den Prozess des Umstiegs der Gesellschaft auf umweltverträgliche Mobilität.

Wichtig bei der Mobilitätswende: das Vermeiden und Verlagern des Verkehrs, u. a. durch Reduktion des Autoverkehrs, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Förderung von Fuß- und Radverkehr. Warum all das? Berlin soll bis 2045 klimaneutral werden. Da Verkehr rund ein Drittel des Berliner CO²-Ausstoßes verursacht, braucht es Alternativen zu fossil betriebenen PKWs. Klimakrise – kennste, kennste?

Nach diesem kurzen Abriss also zur Rudolf-Wissell-Brücke. Sie ist Berlins wichtigste Autobahnbrücke, verbindet die Bezirke Spandau, Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf. Wer zum Reinickendorf-Zubringer und in den Norden Berlins will, muss oft hier drüber. Und apropos Abriss, die vielbefahrene Brücke ist so alt und marode, dass sie abgerissen und neu aufgebaut werden soll. Und zwar so.

Die staatliche Planungsgesellschaft Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) will frühestens 2024 mit dem Bau von zwei neuen Brücken für die Stadtautobahn A 100 beginnen, um die vielbefahrene Rudolf-Wissell-Brücke bis 2031 zu ersetzen.

Nun zum Thema Radfahren: Bisher gab es noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass die Rudolf-Wissell-Brücke doch nicht als reine Autobrücke, also ohne Rad- und Fußwege, neu errichtet werden könnte. Falls das Land Berlin die Fahrradspuren offiziell bestellt, würden die Planer über Radschnellwege auf den Brücken nachdenken wollen, schrieb mein Kollege Cay Dobberke im Mai.

Doch die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher und Klimaschutz hatte bereits 2020 durchblicken lassen, dass daran kein Interesse bestehe. Es fehle das „Potenzial“ für einen „Lückenschluss“Und das, obwohl sogar ein Radvorrangnetz unter der Brücke hindurch verläuft – nur eben nicht drüber.

Eine Schriftliche Anfrage von Kristian Ronneburg und Niklas Schenker (MdA, Linke) im Berliner Abgeordnetenhaus ergab nun, dass sich der Senat gegenüber dem Bund und der Autobahn GmbH tatsächlich nicht weiter für eine Erweiterung des Neubaus der Rudolf-Wissell-Brücke mit einem Fuß- und Radweg einsetzen wird. Grund für die Linksfraktionen aus Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf, die die Pläne zur reinen Autobrücke bisher schon kritisiert hatten, nochmal gemeinsam laut zu werden.

Kai Bartosch, Sprecherin für Verkehr der Linksfraktion in der BVV Reinickendorf: „Wir sind enttäuscht darüber, dass bei einer so wichtigen Verbindungsbrücke zwischen den Bezirken trotz zahlreicher Einwände von Initiativen, Verbänden und aus der Bezirkspolitik die Planung einer zusätzlichen Querungsmöglichkeit für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen nicht möglich sein soll.“

Unter anderem hatte der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Berlin e.V.) zuvor einen Vorschlag eingereicht, wie man einen Radweg an das Bauwerk „anhängen“ könnte. Auf eine Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Andreas Statzkowski (CDU) vom Dezember 2020 hatte die Senatsverwaltung geantwortet, dass die hängende Fahrradbrücke unterhalb der Rudolf-Wissell-Brücke auch von Fachleutenfür „grundsätzlich technisch möglich, jedoch komplex“ gehalten würde.

Die Linksfraktionen aus Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf kritisieren das Argument des Bundes, eine solche Planung wäre aufgrund des dringenden Erneuerungsbedarfs der Brücke nicht zu verantworten. „Die Planungen laufen bereits seit Jahren“, gibt Bartosch zu Bedenken, „Möglichkeiten zur Anpassung gab es ausreichend und auch bis zum voraussichtlichen Beginn des Baus 2024 ist noch genug Zeit, nachzusteuern.“

Ihre Kollegin aus ChaWi, Frederike-Sophie Gronde-Brunner, Ko-Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Verkehr der Linksfraktion in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf, betont deshalb: „Wir bleiben bei unseren Forderungen (…), die Rudolf-Wissell-Brücke muss für alle Verkehrsteilnehmer:innen nutzbar sein. Eine Brücke nur für den Autoverkehr ist ein Relikt der autogerechten Stadt und hat in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels und der notwendigen Verkehrswende nichts in einer Großstadt verloren!“

Und was sagt Deges dazu? Auf deren Webseite wird auch die Frage mit dem Fahrradweg auf der neuen Brücke angesprochen. Die Antwort: „Der Ersatzneubau der Rudolf-Wissell-Brücke ist eine seit vielen Jahre geplante sogenannte Erhaltungsmaßnahme im Rahmen der Bundesverkehrswegeplanung. Anders als bei Ausbauvorhaben konzentriert sich die Planung daher primär auf die Wiederherstellung der alten Funktionen der Brücke – auch wenn sie dafür unter Aufrechterhaltung der Verkehrsbeziehungen letztlich neu errichtet wird (…). Die Planung sieht deshalb, analog zum Bestand, keinen Radweg vor.“

Klingt ein bisschen wie ein Satz, den ein Freund von mir gern aus Witz sagt: „Kenn ich nicht, mag ich nicht.“ Ich finde: Radwege sollten bei Baumaßnahmen in der Stadt besonderes Augenmerk genießen. Denn genutzt werden sie von allen möglichen Leuten: vom achtjährigen Kind über den 80-jährigen Senior bis hin zur geschäftigen Pendlerin, die’s eilig hat. Und eben in Zukunft vielleicht auch von mehr Autofahrer:innen – so denn das Radfahren im urbanen Raum und auch von den Außenbezirken aus attraktiv genug gestaltet wird.

  • Auch wenn es bei der Rudolf-Wissell-Brücke nicht so gut geht, Radeln kann man bei uns im Nordwesten an vielen Stellen auch ganz wunderbar. Das hat zuletzt mein Kollege Matthias Matern getestet und ist dabei von Heiligensee (vom S-Bahnhof Schulzendorf) zum Tegeler See (Endpunkt S-Bahnhof Berlin-Tegel) gefahren. Dabei kam er auch an der „Dicken Marie“, Badestellen und netten Cafés vorbei. Seine idyllische Tour (inkl. Karte) und viele Tipps hat er hier für Sie aufgeschrieben.