Kiezgespräch

Veröffentlicht am 20.05.2020 von Gerd Appenzeller

So lief der Start des neuen Marktes in Hermsdorf. Als ich 1994 mit meiner Familie nach Berlin zurückkehrte, gab es in Hermsdorf am Fellbacher Platz einen sehr gut sortierten Wochenmarkt, Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Textilien, alles war da. Aber dann bröckelte das Angebot Jahr für Jahr. Einige der Händler klagten über einen Rückgang der Kundenzahl.

Offenbar saß das Geld auch nicht mehr so locker. Dieses Argument bekam ich vor einigen Monaten auch von einem Marktbetreiber im Märkischen Viertel zu hören. Da lagen die Gründe auf der Hand: Der Senat hatte in den 90er Jahren durch die Einführung einer Fehlbelegungsabgabe die besser verdienenden Mieter des MV vergrault. Die bauten sich für das gleiche Geld, das sie dann im Märkischen Viertel hätten zahlen müssen, im Brandenburger Umland Reihenhäuschen oder Wohnungen. Die Sozialstruktur kippte.

In Hermsdorf gaben einige Händler auch aus Altersgründen auf. Der Marktbetreiber hatte kein Interesse daran, dass Händler kamen. Eingeweihte sagen, dass er sich selbst keine Konkurrenz heranziehen wollte.

Mehr als 20 Jahre lang bestand der Markt nur noch aus den beiden Textilanbietern Balbir Singh und Sanjiv Kumar sowie aus Haji Ali Afzaly mit seinen mediterranen Spezialitäten. Sie hielten dem Standort die Treue. Als es jetzt die Marktgilde schaffte, für Freitag einen Wochenmarkt zu organisieren, nicht zuletzt durch das dauernde Nachfragen der Leserinnen und Leser dieses Newsletters, waren alle gespannt – der vergangene Freitag war der erste Markttag.

Wer da gewesen ist, wird den Eindruck bestätigen: Es kamen zahlreiche Kunden und die Freude war groß, dass auch zwei Lebensmittelanbieter aus der alten Tegeler Markthalle dabei waren: Knippenbergs Käse mit einer wirklich tollen Auswahl und „Hahn und Henne“, die früher in der Gorkistraße für einen regionales Geflügelangebot gesorgt hatten. Mit Ivo Knippenberg hatte ich für diesen Newsletter am 30. Januar des vergangenen Jahres ein Gespräch geführt, nachdem er zum Jahreswechsel 2018/2019 seinen Stand in der Alten Markthalle geschlossen hatte.

Damals äußerte er großen Respekt für die Planungen von Investor Huth, meinte aber, die künftige Markthalle entspräche vermutlich nicht seinen Vorstellungen. Und schon damals sagte er mir, er schaue sich nach neuen Standorten um, denn er sei eben Markthändler – wenn es in Hermsdorf mal einen Wochenmarkt gäbe, wäre er sicher dabei. Nun ist es so weit, und Susanne und Ivo, die beiden hinter dem Tresen, zeigten sich genauso angetan wie Julia von „Hahn und Henne“.

Hinzu kam die Fleischerei Höhne aus Bliesdorf, Dan Carl als Anbieter französischer Wurstwaren, die Diedersdorfer Oelmühle mit vielen Spezialitäten und Janosch mit dem geräucherten Knoblauch. Auch Haji Ali Afzaly hatte es geschafft, präsent zu sein, obwohl er am Freitag auch in Frohnau auf dem Markt ist. Sein Versuch, sowie der der beiden Textilanbieter, auch am Mittwoch und/ oder Samstag in Hermsdorf präsent zu sein, scheiterte am Widerstand des Bezirksamt. Das hatte sich mehr als zwei Jahrzehnte keine Sorgen darüber gemacht, dass nur zwei oder drei Anbieter da waren – jetzt hieß es, eine so geringe Zahl erfülle nicht die Anforderungen eines Wochenmarktes.

Der Antrag auf eine Sondernutzung an diesen Tagen wurde abgelehnt. Die Formulierung, so etwas sei „unüblich“, erinnert an die beiden bekannten Verweigerungsbegründungen der Berliner Bürokratie – entweder hat man etwas noch nie so gemacht, oder man hat es schon immer so gemacht.

Den jetzt präsenten Händlern, und den drei treuen Anbietern, muss man auf jeden Fall viel Erfolg wünschen. Wenn sich noch ein Anbieter regionalen Gemüses und Obstes fände, wäre das sicher eine Bereicherung. – Text: Gerd Appenzeller
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