Gerd Appenzellers Tipp für Sie
Veröffentlicht am 13.11.2019
„Komm, schöner Tod“ – die Naziverbrechen an Kindern, erschütterndes Theaterstück in der Jugendkunstschule Atrium, ein dokumentarisches Theaterstück im Gedenken an die „Reichsausschusskinder“. Das ist ein erschütterndes Schicksal, bis heute ungesühnt: Der Tod der dreijährigen Gerda Metzger – eines von nahezu 100.000 Opfern der Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus, hier: im Stuttgarter Kinderkrankenhaus. Erzählt wird die Geschichte exemplarisch, ebenso wie die schockierende Verdrängung und Verharmlosung des Geschehens durch Täter und Justiz bis heute. Das andere ist gängige aktuelle Praxis: die Möglichkeit, bereits pränatal körperliche und geistige Behinderungen zu diagnostizieren und sich entsprechend zu verhalten. Ein junges Paar möchte ein Kind und sich darauf vorbereiten, was es erwartet. Ein ethischer Parcours am Rande der Hysterie – darf man heute noch ein Kind in die Welt setzen? Und was ist, wenn das Kind womöglich nicht den Erwartungen an ein normal gesundes Kind entspricht: kann man sich das zumuten, darf man es der Gesellschaft zumuten? Interviews mit Betroffenen zeigen, wie aktuell die Frage nach dem lebenswerten Leben, die im Rahmen der Eugenik und der Euthanasie erstmals gestellt wurden, auch heute noch ist.
Mit Julianna Herzberg und Jan Uplegger, Texte, szenische Einrichtung, Sounds und Collage, Dieter Nelle. Im Anschluss an die Aufführung findet ein Gespräch mit dem Historiker Prof. Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité statt. Die Aufführung inkl. Podiumsdiskussion dauert ca. 90 Minuten. Vorstellung am Donnerstag, 21. November, um 19:30 Uhr in der Jugendkunstschule ATRIUM am Senftenberger Ring 97 in 13435 Berlin, Tickets € 5,00 / ermäßigt € 3,00. Tickets sind an der Abendkasse erhältlich.
Und dies ist die wahre Geschichte von Gerda Metzger: Gerda Metzger, ein dreijähriges Mädchen aus einem Dorf bei Stuttgart, war ein Kind, das ihre Mutter „auf gar keinen Fall hergeben wollte“, sagt der Berliner Schauspieler Jan Uplegger, „es wurde ihr gewaltsam entrissen“. Das Kind litt unter spastischen Lähmungen und wurde „zur besonderen Behandlung“ nach Stuttgart gebracht. Die Mutter lief die 30 Kilometer bis zum Kinderkrankenhaus. Doch an der Pforte wies man sie ab. Gerda starb einen Tag nach der Einweisung. Offiziell an Diphterie. Doch Forscher gehen von einer Überdosis des Beruhigungsmittels Luminol aus. Seit 2013 erinnert ein Stolperstein an Gerda Metzger. Siehe auch Fotos in der Newsletter-Rubrik „Kiezkamera“.