Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.05.2018 von Gerd Appenzeller

Ilse Kassel, Ärztin, Nazi-Opfer und Namengeberin eines wunderschönen Spiel-Platzes in Hermsdorf.

Er gehört zu den wenig bekannten Plätzen im Bezirk, der Dr.-Ilse-Kassel-Platz in Hermsdorf an der Wachsmuthstraße. Benannt ist er nach einer jüdischen Ärztin, die am 20. September 1943, im Fluss Netze, einem Nebenfluss der Warthe, ertrank. Es war der Fluss, in dem sie sich auch, nach der Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten, das Leben nehmen wollte. Ihre kleine Tochter überlebte – und wurde im KZ Auschwitz-Birkenau in der Gaskammer ermordet.

Ilse Kassel war Berlinerin, ihre Familie lebte im Norden, einige Familienmitglieder auch in Hermsdorf. Nach ihrem Medizinstudium arbeitete sie zunächst als Assistenzärztin und übernahm dann die Arztpraxis ihres Vaters Woldemor Kassel. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurden ihr 1933 die Kassenzulassung und 1938 die Approbation entzogen. Bis zum Verbot der Partei gehörte sie der SPD an, wegen Mitgliedschaft in einer kommunistischen Vereinigung wurde sie 1936 verhaftet, in der Gefangenschaft kam ihre Tochter Edith zur Welt. Nach der Entlassung war sie zunächst Krankenpflegerin und musste dann Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Unter dem zunehmenden Verfolgungsdruck versteckten sich Mutter und Tochter auf dem Bauernhof einer ehemaligen Patientin, durch eine Denunziation wurde ihr Aufenthaltsort bekannt. Beide flohen. Als Ilse Kassel keinen Ausweg mehr sah, beendete sie ihr Leben.

Könnte man einer Ärztin schöner gedenken, als einen Platz mit einem großen Kinderspielplatz nach ihr zu benennen? Eigentlich müsste der Ort ja nun, eingedenk der ermordeten Tochter, Ilse-und-Edith-Kassel-Platz heißen… Für fast 400.000 Euro wurde der Spielplatz jetzt neu geschaffen, es gibt einen Bolzplatz mit einem neuen Kunststoffbelag, Klettergerüste und viele Sitzmöglichkeiten und kleine Ecken, die für Kindergeburtstage wie geschaffen sind. Katrin-Schultze-Berndt und Frank Balzer strahlten bei der kleinen Einweihungsfeier zu recht – an Ilse Kassel erinnert nahebei auch ein Stolperstein in der Wachsmuthstraße.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-g.appenzeller@tagesspiegel.de

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