Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.10.2018 von Gerd Appenzeller

Harald Bodenschatz, geboren 1946, war von 1995 bis zu seiner Entpflichtung Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der Technischen Universität Berlin. Seit 1980 ist er planerisch in der Stadterneuerung tätig, Lehr- und Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Italien, Brasilien, in die USA, nach Peru, Argentinien und England. In Rio de Janeiro und Lima hatte er Gastprofessuren. Aus familiären Gründen hält er sich oft im Norden Berlins auf, in Frohnau. Da die Redaktion des Tagesspiegels ihn auch immer wieder um seine Einschätzung stadtplanerischer Probleme der Stadt gebeten hat, stehen wir in ständigem Kontakt. Bei einem unserer Telefongespräche schwärmte er kürzlich so über die städtebauliche Situation in Frohnau, dass ich ihn bat, das aufzuschreiben.

Hier ist sein Text, eine Eloge an Frohnau: „Frohnau ist ein Kleinod ganz im Norden von Berlin, kaum bekannt, und doch ein Ort von internationalem Rang! Das Zentrum dieser kurz vor dem Ersten Weltkrieg angelegten „Gartenstadt“ wird von einem Doppelplatz geprägt – Ludolfinger und Zeltinger Platz, verbunden durch die Frohnauer Brücke, die die S-Bahntrasse der Linie 1 über Friedrichstraße nach Wannsee überspannt. Dieses Zentrum hat es in sich: Gestaltet hat es einer der berühmtesten Gartenarchitekten der Zeit – Ludwig Lesser. Seine ersten prägenden Bauten, das Bahnhofsempfangsgebäude, das Casino mit Turm und das Geschäftshaus wurden von den Architekten Gustav Hart und Alfred Lesser wie eine Kleinstadtkrone inszeniert – als Zeichen und Stolz der neuen Gartenstadt. Am Ende der Weimarer Republik folgten weitere Wohn- und Geschäftshäuser, in der frühen NS-Zeit die Kirche und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Wohn- und Geschäftshäuser, zurzeit folgen weitere Bauten. Trotz einer Bebauung aus ganz verschiedenen Zeiten passt bislang alles wunderbar zusammen. Das Zentrum ist ein lebendiger Treffpunkt für Frohnauer, der von Anfang an bis heute gut funktioniert, dessen großzügige Proportionen wohltuend stimmig sind, ein Ort für Jung und Alt. Und heute wieder ein Modell für alte und neue Vorstädte, die nicht vom Auto abhängig sind, sondern über die Schiene an die Welt angebunden sind, ein Musterbeispiel dessen, was die Amerikaner Transit Oriented Development (TND) nennen. Für mich das beste suburbane Zentrum, das ich kenne.“

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-g.appenzeller@tagesspiegel.de

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