Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.10.2019 von Gerd Appenzeller

Wolfgang Besig, Familienvater aus Berlin-Frohnau – erschossen von den Nazis 1942.

Das Leben. Wolfgang Besig wuchs in der Hainbuchenstraße 20 auf, nahe dem Friedhof Frohnau. Der Vater hatte dort 1914 ein Haus gebaut, in dem die Familie mit den drei Kindern lebte. Alle waren musikalisch. Wolfgang machte sein Abi, studierte Gesang, wurde Musiklehrer, verliebte sich in Elisabeth Henriette Heinemann, eine Sekretärin. Kurzum: Wolfgang Besig führte ein schönes, normales, junges Berliner Leben.

Die Wende. Wolfgang Besig, 32, wurde im Frühsommer 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Sein Job: Luftgaukommando in Warschau. Im August 1941 beging er Fahnenflucht und „trieb sich in verschiedenen Gegenden Deutschlands rum“. So steht es in der Anklage der Nazis. Die Eltern versteckten ihren Sohn Wolfgang auf dem Dachboden in der Hainbuchenstraße, wo er nachts heimlich Klavier spielte – bis ihn im April 1942 ein Nachbar anzeigte („Das ist meine Pflicht“).

Die Haft. Die Nazis steckten den Musiklehrer aus Frohnau ins Gefängnis. Dort lernte er einen gewissen Dietrich Bonhoeffer kennen, mit dem er Gottesdienste gestaltete. Besig wurde verlegt, kam nach Posen, die Familie besuchte ihn einige Male. Doch dann fiel das Urteil: Tod wg Fahnenflucht. Am 14. April 1942 wurde Wolfgang Besig von den Nazis erschossen. Die Eltern erhielten für die Hinrichtung auch noch akkurat eine Rechnung.

Sein Grab. Sein Grab befindet sich noch heute in Posen. Der Name steht auf einem Gedenkstein. Auf Antrag seiner Nichte wurde Wolfgang Besig im November 2002 durch den Bundestag rehabilitiert.

Sein Stolperstein. In Anwesenheit der Nichte und weiterer Familienangehöriger wird – ein bewusst gewählter Termin – am 9. November, 15.30 Uhr, vor der Hainbuchenstraße 20 ein Stolperstein verlegt, der an Wolfgang Besig erinnern wird. Dieser Stein ist der einzige, der 2019 in Reinickendorf verlegt wird. Ausgeführt wird die Arbeit von der „AG Stolpersteine Reinickendorf“. Künstler Gunter Demnig hätte den weiten Weg an den Stadtrand kaum geschafft; er hat an diesem Tag viele Termine in der Innenstadt. Deshalb verlegt die Arbeitsgemeinschaft den Stein erstmals selbst. Um 18 Uhr wird Besigs Biographie vor der evangelischen Kirche am Zeltinger Platz verlesen. – Quelle: AG Stolperstein; Text: André Görke

  • Die AG Stolperstein aus Reinickendorf im Netz. Wer mehr lernen möchte über den Verein, seine Spenden, die 170 Stolpersteine in Reinickendorf – die Internetseite lautet: www.fk-reinickendorf.de
  • … und so ging die Geschichte eine Woche später weiter. Denn der Anwohner der Straße hat sich nach der Lektüre des Reinickendorf-Newsletters gemeldet. Hier unser Text.

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