Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.01.2020 von André Görke

Berlin-Reinickendorf, 1945-2020. Nachbarn schreiben über Nachbarn. Wir hatten Sie, die Leserinnen und Leser des Tagesspiegel-Newsletters für Reinickendorf, gefragt, welcher Gedenkort zum 27. Januar ins Bewusstsein gerückt gehört. Denn nicht nur das Kriegsende am 8. Mai jährt sich 2020 zum 75. Mal, auch die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar. Das wollen wir zum Anlass nehmen, Gedenkorte an die NS-Opfer in den Bezirken zu sammeln. Welcher Ort in Reinickendorf berührt sie besonders? Welcher hat mehr Aufmerksamkeit verdient? Und vor welchem Haus liegen besonders viele Stolpersteine?

Sie haben uns unzählige Mails geschrieben. Vielen herzlichen Dank! Die Linke um den Bezirksvorsitzenden Dana Saky, 32 (Portrait) hat eine bemerkenswerte Auflistung der Denkmäler in Reinickendorf erstellt, die das Bezirksamt auch gleich an den Reinickendorf-Newsletter vom Tagesspiegel schickte – hier der Link. Eines dieser Fotos zeige ich heute in der „Kiezkamera“: Sie werden es kennen. Und Gerd Appenzeller nennt seine Orte, an die erinnern möchte – als wichtigen Abschluss eines besonderen Reinickendorf-Newsletters. Jetzt aber erst mal Sie, Nachbarn erinnern an Nachbarn.

Sieben Ermordete: Die Erinnerung in Borsigwalde. Tagesspiegel-Leser Jürgen Ritter machte die beiden Fotos oben und schreibt mir: „Auch Borsigwalde kann einen Gedenkort beitragen aus der Schubartstraße, der den Arbeitern von Borsig gewidmet ist. Der Zustand ist … nunja, eben Berlin.“ Auf der Gedenktafel, auf die uns auch Tagesspiegel-Leser Stefan J. Uibel hinwies, steht: „Viele Menschen aus der Schubartstraße leisteten mutigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, darunter auch Mitglieder der Gruppe Mannhart (Rheinmetall-Borsig). Sieben wurden ermordet: Paul Bruske, Paul Lehmann, Friedrich Lüben, Anna und Emil Becker, Anna und Richard Beuthke.“ Infos zum Gedenkort: gedenktafeln-in-berlin.de

Erinnerungsort in der JVA Tegel. Post an den Reinickendorf-Newsletter kam auch aus dem Büro von Sebastian Brux, Sprecher von Justizsenator Dirk Behrendt, Grüne (der übrigens in Reinickendorf aufgewachsen ist). Er wies auf das Denkmal für Widerstandskämpfer Harald Poelchau hin. Das wurde 2018 in der Justizvollzugsanstalt Tegel eingeweiht – hier ein Bild von der Skulptur. Das Kunstwerk stammt von Katrin Hattenhauer. Poelchau war u.a. von 1933 bis 1945 Gefängnisseelsorger im Strafgefängnis Berlin-Tegel. „Von 1939 bis 1945 begleitete Poelchau etwa eintausend Menschen auf dem Wege zur Hinrichtung und betreute etliche ihrer Angehörigen“, heißt es in der Würdigung. „Als Gefängnisseelsorger schmuggelte er heimlich Briefe und Nachrichten für die aus politischen Gründen Inhaftierten aus und ins Gefängnis, unter anderem für Dietrich Bonhoeffer und Helmuth James Graf von Moltke.“

Die Zwangsarbeiter in der Tegeler Heide. Leser Ralf-Michael Kania lenkt den Blick auf ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager innerhalb der Siedlung „Waldidyll“ in der Tegeler Heide. „Dort waren ab 1942 im Barackenlager zwangsrekrutierte (mehrheitlich Osteuropäer) der Rüstungsbetriebe Alkett/Maget (Rheinmetall-Borsig) in Tegel-Süd interniert. Zwischen den Fabriken und dem Lager befand sich, nördlich der Bernauer Straße, das städtische Berliner Gaswerk Tegel mit Gashafen am Tegeler See.“

Das Jüdische Kinderheim in Hermsdorf. Tagesspiegel-Leserin Ina Stepputat erinnert an eine Gedenktafel am Falkentaler Steig 16 (Hermsdorf), das die bewegte Vergangenheit des Hauses beschreibt: „Dieses Haus war seit 1926 ein jüdisches Kinderheim. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde es Synagoge und bildete den Mittelpunkt jüdischen Lebens in Reinickendorf. Nach den Zerstörungen in der Reichspogromnacht 1938 mussten auf behördliche Anordnung an diesem Ort Juden einziehen. Viele von Ihnen wurden deportiert und ermordet. 1944 enteignet, blieb das Haus noch lange im Besitz des Landes Berlin.“

Mehr Gedenkorte: In der „Kiezkamera“ und im „Kiezgespräch“ – im aktuellen Reinickendorf-Newsletter. – Text: André Görke

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Meine weiteren Themen in meinem aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf – hier eine Auswahl.

  • Sie waren unsere Nachbarn: Leser nennen Gedenkorte für NS-Opfer
  • Schrecklicher Unfall in Tegel
  • Jubel in Heiligensee: Alle spenden für Schul-Sportplatz
  • Von Afghanistan nach Tegel: Zulaikha, was gibt’s Neues?
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  • Warme Gedanken? Reinickendorf bekommt zwei neue Badestellen
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