Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.03.2020 von Gerd Appenzeller

Diese Frau kennen sehr, sehr viele im Berliner Norden. Susanne Orth, 47, Wirtin aus Berlin-Reinickendorf – und hier ist ihre Geschichte im aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Reinickendorf.

Da, wo sich in Konradshöhe Habicht, Dohle und Specht Guten Tag sagen, da ist das Nest von Susanne Orth. Sie nennt es „Susis Hexenhaus“, und ein bisschen hat es auch was von einem Hexenhaus. Ein wenig windschief, eine Mischung aus Wohnwagen, Zelt, Dachvorbau und kleiner Gartenwirtschaft. Ein Provisorium, das für viele Konradshöher dauerhafter Anlauf- und Verpflegungspunkt geworden ist, aber auch Platz für einen Informationsaustausch. Aber auch: der Punkt, an dem man Hilfe bekommen kann, an dem aber auch Hilfe mobilisiert werden kann.

Woran das liegt? Nun, zuvorderst mal daran, dass die 47-jährige Susanne Orth nun wirklich überhaupt nichts von einer Hexe an sich hat. Die gelernte Bäckereifachverkäuferin wurde mit 19, am Ende der Lehrzeit, auf den Kiosk inmitten von Konradshöhe aufmerksam. Er liegt im Ortskern, am Schnittpunkt von Spechtstraße, Habichtstraße und Dohlenstraße, kann also überhaupt nicht verfehlt werden. Ganz egal, ob Ortsunkundige mit dem Auto halten und um Wegweisung bitten, hungrige Ausflügler schnelle Fütterung erhoffen oder Stammkunden, von denen es, wie ich mich überzeugen konnte, reichlich gibt.

Bei Susanne, genannt Susi, trifft man sich in Konradshöhe seit 28 Jahren. So lange wirbelt sie hier schon, kocht von Montag bis Freitag von morgens um sechs bis um 15 Uhr. Für den Handwerksmeister mit dem empfindlichen Magen gibt’s ein Spanisches Omelett, riecht köstlich, schmeckt offenbar auch so. Seine Kollegen essen derweil, was im Tagesangebot ist: Frische Eintöpfe, natürlich Königsberger Klopse, Schnitzel, Würstchen in allen Variationen, Kaffee, Kuchen.

Konradshöhe ist, wie so viele der Orte hier, wie Tegelort, wie Heiligensee, eine alternde Gemeinde. Die Kinder sind aus dem Haus, die Eltern blieben zurück, viel zu wenige Junge kommen und lassen sich hier nieder. Wo bekommt ein Paar in den Siebzigern, wenn die Dachrinne undicht wird, den Tipp zu einem guten Klempner? Wer kennt einen Tischler, der die Haustür wieder richtet? Wer den Gärtner, der die Obstbäume schneidet, und den ältere Leute unbesorgt aufs Grundstück lassen können?

In Susis Hexenhaus gibt es Rat in solchen Fragen, alle Handwerker treffen sich zum Schwatz, und Susi Orth, die nie aus Konradshöhe rausgekommen ist (sagt sie selber, voller Stolz!), erzählt dann, was an Hilferufen bei ihr gelandet ist. Da wird dann auch schon mal Geld gesammelt für eine junge Mutter, bei der die Heizung ausgefallen ist, und die, knapp bei Kasse, wie sie ist, sich nicht traut, einfach einen Kundendienst zu rufen.

Und weil auch die Polizei hier mal einen Stopp macht, oder der Rotkreuzler und der ehrenamtliche Feuerwehrmann, ist Susi Orth eben auch das, was man heute so flott eine Netzwerkerin nennt. Jeder kann was beitragen, dass es läuft in einem Ort wie Konradshöhe, meint die Herrin im Hexenhaus. Auf ihrer Visitenkarte reitet sie tatsächlich auf einem Besen. Fahren oder gehen Sie mal vorbei. Aber nicht am Samstag oder Sonntag. Da steht der Besen in der Ecke. – Text und Foto: Gerd Appenzeller

+++
Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf. Schon 187.000 Haushalte haben unsere Bezirksnewsletter im Abo. Die gibt es, Bezirk für Bezirk, in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.

Hier meine weiteren Themen aus Reinickendorf – eine kleine Auswahl aus dem aktuellen Newsletter.

  • Corona-Infektion: Erkrankter Reinickendorfer ging noch Tanzen
  • Gesundheitsamt empfiehlt: Keine Besuche in Krankenhäusern
  • Wochenmarkt für Hermsdorf kommt spätestens nach Ostern
  • Frohnauer ratlos: Wohin mit dem Glasmüll?
  • Einbrecher brannten Blumenladen nieder. Kiez will Geschäftsfrau helfen.
  • Das Ärgernis seit Jahren: Defekte Brücke zur Humboldt-Insel
  • Streit im Hermsdorfer Waldseeviertel: Blumenkübel sollen Pendler bremsen
  • U-Bahnbau in Tegel: Busspur statt Parkplätze auf der Berliner Straße
  • Sie kennt fast jeder: Wer ist die Wirtin in „Susis Hexenhaus“?
  • …das alles und mehr Kieznachrichten aus Ihrem Reinickendorf hier im Bezirksnewsletter vom Tagesspiegel – leute.tagesspiegel.de