Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.07.2020 von Gerd Appenzeller

Manfred Scholz, Vorsitzender des Vereins Freunde des Schullandheimes „Walter May“ in Berlin-Heiligensee.

Der 76-jährige, der mich, braungebrannt und mit frisch geföhntem, grauen Haar empfängt, steht vor einem Flachbau inmitten von blühenden Blumen und grünen Büschen in der Sonne wie ein gut gelaunter Rentner, dessen einzige Sorge es ist, ob der Garten auch genügend Wasser bekommt. Aber das Bild trügt. Manfred Scholz hat Sorgen. Große Sorgen. Seit mehr als 30 Jahren ist er Vorsitzender des Vereins der Freunde des Schullandheimes, und keines dieser Jahre war so voller Probleme für ihn wie 2020. Das liegt an Corona.

Wegen der Pandemie musste das Heim im März schließen. Normalerweise geht die Saison von Februar bis zu den Sommerferien, und dann wieder bis in den November. Seit dem 15. März aber hat das Heim, hat der Förderverein, der auch der Eigentümer ist, keine Einnahmen mehr. Die Kosten laufen jedoch weiter, rund 7000 Euro im Monat. Für die ersten Stornos hat der Senat die Kosten übernommen, ca. 17.000 Euro sind das. Die könnten das Schullandheim über die nächsten zwei Monate retten. Aber das Geld ist noch nicht da.

Dieses Schullandheim lebt von der ehrenamtlichen Tätigkeit vieler Menschen und dem bürgerschaftlichen Engagement der Vereinsmitglieder. Und ohne die gäbe es das Schullandheim überhaupt nicht mehr. 2003 zog der Bezirk seine Unterstützung zurück. Um Kosten zu sparen, und 13 Jahre nach der Wiedervereinigung, meinte die damalige BVV-Mehrheit offenbar, so etwas sei nicht mehr nötig.

Weit gefehlt. Es gibt immer nach arme Familien, in ganz Berlin, auch in Reinickendorf, das nicht nur aus Frohnau und Hermsdorf, sondern auch aus Reinickendorf-West, der Gegend um die Residenzstraße und dem Märkischen Viertel besteht.

Der Forstverwaltung wäre es damals, erzählt mir Manfred Scholz, wohl am liebsten gewesen, wenn das Heim geschlossen worden wäre und man den Fremdkörper im Naturschutzgebiet hätte abreißen können. Aber der Bezirk bot dem Verein damals an: Wenn ihr wollte, könnt ihr das Heim in Eigenregie übernehmen. Am 1. Juni 2003 trat ein entsprechender Nutzungsvertrag in kraft. Und im Februar 2008 wurde der Verein per Kaufvertrag mit dem Liegenschaftsfonds Berlin zum Eigentümer von 16.688 Quadratmeter Gelände und der Gebäude.

Manfred Scholz will sich nicht für diese Leistung berühmen lassen. Er verweist auf Jörg Petersen, den Leiter des Heimes, der die Seele des Ganzen sei. Schon seine Mutter leitete das Schullandheim, Jörg ist in dem Haus geboren wurden. Und hätten ihm die Ärzte nicht gerade neue Knie eingesetzt, wäre er natürlich jetzt auch bei unserem Gespräch dabei.

Viele Lehrerinnen und Lehrer sind Mitglieder im Förderverein. Manfred Scholz war Lehrer in Tegel-Süd und kam 1984 als Schulleiter an die Borsigwalder Grundschule. Peter Rode, 83 Jahre alt, war Schulleiter an der Fließtal-Grundschule, und Wolfram Odebrecht, der den Kindern heute noch das Brotbacken beibringt an einem tollen, aus Backsteinen gemauerten Ofen, leitete die Haushofer-Grundschule in Heiligensee.

Ich habe mir das Schullandheim angeschaut. Es ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber gerade deshalb ist es ein Kindertraum. In einem Land, in dem zur Linderung von Corona-bedingten Verlusten so viel Geld da ist, gäbe es keine glaubhafte Entschuldigung für die endgültige Schließung des Schullandheimes in Heiligensee.

Welche SPD-Politiker angeschrieben wurden, seit wann es das Heim gibt, was Sie tun können – das alles lesen Sie im „Intro“ zum neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Reinickendorf. – Text: Gerd Appenzeller
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