Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.08.2020 von Gerd Appenzeller

Johannes Müller, 58, Revierförster aus Berlin-Hermsdorf.

Dem deutschen Wald geht es so schlecht wie nie zuvor. Selbst im Vergleich zu den Berichten über das Waldsterben in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei die Lage jetzt noch dramatischer. Der Grund: die anhaltende Trockenheit unserer Wälder.

Wie sieht das in Berlin aus? Darüber habe ich mich mit Johannes Müller unterhalten, dem Hermsdorfer Revierförster. Er empfängt mich im Freien, im Vorhof des Forsthauses am Ehrenpfortensteig, am Dienstagnachmittag ist allgemeiner Sprechtag, zwei Besucher erkundigen sich nach den Regeln für Holzsammler. Dafür braucht man einen Berechtigungsschein, der kostet 50 Euro, aber dafür kann man ordentlich sammeln. Und herumliegendes Holz gibt es zur Genüge, die Berliner Wälder werden ganz bewusst nicht mehr gepflegt wie Ziergärten, sondern die Förster bemühen sich um einen naturnahen Wald.

Der Hermsdorfer Wald ist knapp 890 Hektar groß, das sind etwa 1000 Fußballfelder, nennt Johannes Müller eine Vergleichsgröße. Der 58-jährige ist seit 33 Jahren in Diensten der Berliner Forstverwaltung und seit acht Jahren Hermsdorfer Revierförster. Er und seine Familie leben ganzjährig im Wald, sagt er, und der verändert sich durch die langen Trockenperioden, und das nicht zum Besseren.

Der Hermsdorfer Wald ist ein Mischwald, der sei im Vergleich zu den Monokulturen noch grün – obwohl: „Schauen Sie mal da hoch“, fordert er mich auf, „bei dem Baum da sind jetzt schon 80 Prozent der Blätter weg, der wird nicht überleben“. Die Trockenheit stresst die Bäume und lähme ihre Widerstandskraft, dann habe der Borkenkäfer leichtes Spiel.

Der nördliche Tegeler Forst sei „grundwasserfern“. Das heißt, der Grundwasserspiegel liege in acht Meter Tiefe, dahin reichen keine Wurzeln, die Bäume lebten vom Regenwasser, und wenn kein Regen fällt, haben die Bäume keine Chance, man könne ja nicht den ganzen Wald gießen wie einen Blumengarten. Früher hätte die Schneedecke der langen Winter dem Boden noch Feuchtigkeit zugeführt, aber das ist auch schon ein paar Jahre her.

Die Berliner Wälder sind heute Mischwälder, und denen im Norden geht es noch vergleichsweise gut. Das haben wir den Franzosen zu verdanken, sagt Müller. Den Franzosen? Ja. Nach dem Krieg wurde Berlin ja unter den vier Alliierten aufgeteilt. Vor allem die Sowjets, aber auch Briten und Amerikaner holzten die Wälder ab, auch Holz war eine Reparationsleistung, die eingefordert wurde. Der erste französische Stadtkommandant aber hatte eine forstwissenschaftliche Ausbildung, sagt Müller. Der wusste, dass man Wälder langfristig betrachten muss. Und deshalb wurde der Tegeler Forst nicht einfach abgeholzt. In West-Berlin wurde dann der Wald systematisch als Mischwald „umgebaut“, im Osten zog man nach der Wiedervereinigung in der Frostwirtschaft nach.

Und sonst so? Der Müll ärgert den Förster, jede Nacht kämen Leute und würden ihre Abfälle an den Wegrändern abkippen. Und während der Coronazeiten seien die Wälder erkennbar von Menschen besucht worden, die keine „Walderfahrung“ hatten, die durch die Büsche zogen wie durch einen Volkspark und alles runtertrampelten.

Und nächtliche Feten habe es natürlich auch gegeben, die vor allem die Tiere verschreckten. Obwohl, und da muss er schmunzeln, die letzte Technopartie sei ungewöhnlich gewesen. Da seien die vielen hundert jungen Besucher zu Fuß oder mit dem Fahrrad gekommen – und die hätten ihren Müll sogar wieder mit genommen.

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