Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.09.2020 von Gerd Appenzeller

Als der Bezirk Reinickendorf vor 14 Jahren aus Kostengründen die Erich-Kästner-Bibliothek am Falkentaler Steig in Hermsdorfer schließen wollte, herrschte Ratlosigkeit. Es war die einzige öffentliche Bücherausleihe in einem Kiez, der sich nicht durch extremen Wohlstand auszeichnete, in dem es viele Familien mit kleinen Kindern, aber auch viele ältere Menschen gab, die aber alle miteinander gerne lasen. Denen wurde damit die Möglichkeit genommen, ein Buch in die Hand nehmen, sich darin vertiefen zu können, ohne es gleich kaufen zu müssen.

Das war die Stunde einer Reihe engagierter Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich im Umfeld der evangelischen Apostel-Paulus-Kirche in der Wachsmuthstraße zusammengefunden hatten. Sie beschlossen, die Bibliothek zu retten. Und wenn schon nicht am Falkentaler Steig, den Bezirk konnte man ja nicht zwingen, dann doch wenigsten an anderer Stelle in Hermsdorf. Und so entstand das heutige Büchercafé, in dem man an jedem Donnerstagnachmittag in Büchern stöbern oder welche entleihen kann, aber eben gerne auch vor Ort lesen darf.

So etwas funktioniert natürlich nur mit ehrenamtlichen Helfern, denn eine Bibliothek will ja nicht nur gepflegt und laufend ergänzt werden, nein, in den Öffnungszeiten müssen kompetente Gesprächspartner da sein. Und als ich jetzt einen Programmhinweis auf den Tisch bekam, beschloss ich, mir das mal anzusehen.

Was für ein Programmhinweis? Ach ja, richtig, im Büchercafé Hermsdorf in der Wachsmuthstraße 25 (zu erreichen ebenfalls von der Schloßstraße aus) gibt es auch Veranstaltungen. Zum Beispiel am Dienstag, dem 6. Oktober, um 19:30 Uhr. Dann spricht Klaus Lüdtke zum Thema „Die Mondlandung 1969 – die Jahrhundertsensation“.

Annekathrein Ritter, fröhliche 76 Jahre alt, hat das Büchercafé mit aufgebaut. Sie empfängt mich zusammen mit Doris Mertens, 77, Uwe Klages, 71, und Sabine Koch, ebenfalls 71 Jahre alt. Diese vier, zusammen 295 Jahre alt, sind sozusagen der Antriebsmotor des Büchercafés.

Insgesamt sind da aber 25 Helferinnen und Helfer. Als die Erich-Kästner-Bibliothek geschlossen wurde, konnten sich die Aktiven der Pauluskirchengemeinde wenigstens einen Teil des Bücherbestandes sichern. Der wird laufend ergänzt, auch über den jährlichen Büchermarkt, der zusammen mit der Katholischen Kirchengemeinde veranstaltet wird. Der fiel aber dieses Jahr, Corona-bedingt, aus. Wegen Corona musste auch eine andere, schöne Sitte unterbrochen werden: Jeden Sonntag konnten sich Gottesdienstbesucher oder auch andere, die gerade vorbeikamen, nach der Andacht im Büchercafé auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen treffen. Dass dies im Moment nicht geht, vermissen alle schmerzlich.

Das Büchercafé ist nämlich auch ein Treffpunkt gegen die Einsamkeit. Das sagt mir ganz offen Doris Mertens, und die drei anderen nicken mit dem Kopf. Überhaupt spielt Gemeinsamkeit eine große Rolle in diesem Treffpunkt. Dass er zu ebener Erde liegt und vom Garten auch für Rollifahrerinnen und Rollifahrer erreichbar ist, spielt nicht nur für Ältere eine Rolle, sondern auch für viele junge Mütter, die mit dem Kinderwagen in die Bibliothek kommen. Und da am Donnerstagnachmittag eine Kirchenmusikerin mit den älteren Kindern nebenan übt, sind die Kleinen in der Bibliothek bestens aufgehoben.

Das sind dann auch jeden Donnerstag zwischen 15 und 18 Uhr die Hauptzielgruppen des Büchercafés: Die Alten und die Jungen. Das „Mittelalter“ fehlt fast völlig, sagt Annekathrein Ritter. Und das Publikum? Wir sind Hermsdorf, sagen die vier nicht ohne unaufdringliches Selbstbewusstsein. Wir sind nicht Dahlem und auch nicht Lichterfelde-West, das hier ist ein gut durchmischtes Kiez. Was sie damit deutlich machen wollen: Die Menschen in Hermsdorf brauchen so etwas, so einen Treffpunkt, der zwar unter dem Dach eines Gemeindehauses (direkt daneben ein fröhlicher Kindergarten) seinen Platz gefunden hat, aber konfessionell überhaupt nicht gebunden ist.

Neugierfrage zum Schluss: Brauchen Sie eigentlich noch mehr Bücher? Da sagen alle zusammen: Bitte vorher anrufen und fragen. Und bitte nicht einfach den Keller ausräumen. Fragen Sie sich selber, ist der Ratschlag: Würde ich dieses Buch einer guten Freundin schenken?

Ist eigentlich auch irgendetwas nicht gerne gesehen im Büchercafé? Auch da sind alle einig: Schokoladenkekse! – Text: Gerd Appenzeller
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