Nachbarschaft

Veröffentlicht am 04.11.2020 von Gerd Appenzeller

Der Markthändler von Berlin-Frohnau. Als ich Ralf Hengstmann, 58, im August in Berlin-Frohnau traf, begegnete ich einem Menschen, der gleichermaßen ratlos wie zornig und deprimiert war. Seit 1996 war er der Betreiber des Frohnauer Wochenmarktes gewesen, hatte Zeiten der Ungewissheit durchstehen müssen. Der Markt, den er von der Bahn, dem Grundstückseigner, übertragen bekommen hatte, bestand aus alten Bretterbuden. Neue Händler auf den schmalen Streifen an der Bahnlinie zu bekommen, war schwierig. Schließlich hörte man immer wieder Gerüchte, die Bahn wolle den Markt schließen, weil sie das Gelände als Lagerplatz für technische Geräte bei einem denkbaren zweigleisigen Ausbau der Strecke Richtung Oranienburg und Ostsee brauche.

Dann der Knall: Die Bahn kündigte seinen Vertrag zum Jahresende, nachdem die von Ralf Hengstmann geforderten neuen Konzepte offenbar nicht die Gnade der Eigentümer gefunden hatten. Ich fragte bei der Bahn nach, bekam auch tatsächlich zu hören, man wolle das alles ein bisschen innovativer haben, ein neuer Betreiber sei gefunden, aber der Vertragsabschluss noch nicht spruchreif.

Stattdessen war plötzlich der Bau eines Parkhauses im Gespräch, welches die Bahn für Pendler errichten wollte. Der benachbarte Edeka-Händler wolle angeblich auch Plätze für seine Kunden haben. Ich fragte bei der Bahn nach: Stimmt das? Klares Dementi: Das ist ein Markt und bleibt ein Markt.

Dann kam ein Frohnauer Immobilienkaufmann ins Gespräch. Das war wohl der, den die Bahn als Nachfolger von Ralf Hengstmann ausgeguckt hatte. Er wolle das ganz schick aufziehen, wurde geraunt, Champagner am Abend, gerne auch mit frischen Austern. Ich hatte mit ihm mehrfach Kontakt.

Dann, nach der Herbstpause, plötzlich die Nachricht: Der neue Marktbetreiber ist der alte. Ich fragte Ralf Hengstmann: Stimmt das? Er sagte ja. Und was wird sich nun ändern? Da hält er sich mit Details zurück, die Gespräche mit der Bahn laufen noch. Vom Tisch ist jedenfalls die Vorstellung, man könne in Frohnau einen solchen Markt an sechs Tagen der Woche von morgens bis abends betreiben. Dafür ist die Kundschaft nicht da, die meisten Frohnauer lassen nicht ihr Geld für sich arbeiten, sondern tun das selber, haben also keine Zeit, Stunden zwischen Champagner und Austern zu verbringen. Und wenn, tun sie es sicher diskreter als auf einem Wochenmarkt…

Feststeht jedenfalls, dass es auch im Januar einen Markt geben wird, und dass der Marktbetreiber wieder Ralf Hengstmann heißt. – Text: Gerd Appenzeller
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