Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.11.2020 von Gerd Appenzeller

Heidemarie Aagaard, Galeristin im Berliner Norden. Das Fließtal zwischen Lübars und dem Tegeler See ist nicht reich an Gastronomie. Entlang des kilometerlangen, wirklich schönen Wanderweges gibt es, genau betrachtet, zwischen den Endpunkten nur wenig Möglichkeiten zur Einkehr. Eine davon, am Hermsdorfer Anger gelegen, ist der Auenhof.

Die meisten Gäste werden den wie verwunschen wirkenden Garten allerdings eher unter dem Namen „Atelier-Galerie Aagaard“ kennen. Besitzerin des 3800 Quadratmeter großen Areals am Fließ ist die Dänin Heidemarie Aagaard, und sie löst das Namensrätsel dann auch fröhlich-freundlich auf, als wir sie zwischen der Galerie und dem jetzt geschlossenen gastronomischen Bereich treffen: Aagaard heißt auf Deutsch Auenhof. Seit 1989 betreibt die 77-Jährige, die in Frohnau aufwuchs, die Galerie hier. In Hermsdorf aber ist sie schon seit 1976 mit Ausstellungen präsent. 2014 kam am neuen Standort noch das Café dazu.

Dieses Café ist vom Frühjahr bis in den Herbst ein überaus beliebter Anlaufpunkt für Wanderer und Kunstinteressierte, denn in der Galerie gibt es wechselnde Ausstellungen – zur Zeit läuft noch eine der Malerin Christine Flieger. Am 5. Dezember, einem Samstag, wird von 12 bis 15 Uhr die Vernissage der Bilder und Skulpturen von Matthias Gerlach stattfinden – unter Corona-gerechten Bedingungen, sagte uns Heidemarie Aagaard. Derzeit dürfen sich immer nur einzelne Personen in der Galerie aufhalten, aber in dem weitläufigen Garten können die Vernissage-Gäste verweilen, ohne sich zu nahe zu kommen.

Überhaupt, dieser Garten: Da wächst und wuchert alles, bis auf das Dach des alten Kossätenhofes, das voller Efeu ist. Tische und Stühle sind ein buntes Durcheinander von Gartenmobiliar. Kein Stück gleicht dem anderen. Manche Tischflächen sind durch Muster unterbrochen. Sie wirken filigran, obwohl sie aus Eisen sind. Andere, aus Holz, wurden kunstvoll bemalt, und manche sind auch unbearbeitet. Glauben Sie jetzt bloß nicht, das sei ein Durcheinander – nein alles wirkt, als habe da jemand eine geniale Unordnung geschaffen.

Bevor ich’s vergesse: Kuchen gibt es im Moment natürlich nur außer Haus, den Kaffee ebenfalls zum Mitnehmen. Wir probierten Käsekuchen, Rüblitorte und Streuselkuchen, alles hausgemacht, sehr empfehlenswert. Unter der Woche bleiben die Kaffeeküche und der Backofen kalt. Aber am Freitag und Samstag zwischen 14 und 18 Uhr und am Sonntag zwischen 13 und 19 Uhr ist geöffnet. In der Zeit gibt es Kuchen zum Mitnehmen, auch eine Suppe war auf der Kreidetafel vermerkt. Und einzeln darf man, wie erwähnt, natürlich die Galerie besuchen.

Heidemarie Aagaard hat auch noch einen Bruder, Detlef. Die Familiengeschichte ist etwas kompliziert. Der Bruder lebte zu Mauerzeiten in der DDR, in Glienicke, mit Eltern und Großeltern in einem Haus in Grenznähe. In einer abenteuerlichen Flucht durch einen Tunnel kam die Familie in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1963 in die Freiheit. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die hier auch noch bei Gelegenheit erzählt werden soll.

Wenn Sie jetzt noch fragen, was ein Kossätenhof ist: Ein kleines Bauernhaus, in dem Menschen wohnten, die nur ein so kleines Stück Land bewirtschaften konnten, dass es gerade für das eigene Überleben reichte. Ein solches Stück Ackerfläche nannte man ein „Hufe“, und für dessen Größe gab es kein festes Maß, sondern das orientierte sich an der Ertragskraft der Böden. Ein großes Hufe war also weniger ein Ausweis von Wohlhabenheit als von Not, zeigte es doch, dass die Familie relativ viel Land brauchte, um zu überleben. Und die Böden in Brandenburg waren auch schon vor 200 Jahren nicht besser als heut… Kontakt zum Auenhof: Facebook – Text: Gerd Appenzeller
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