Nachbarschaft
Veröffentlicht am 16.12.2020 von André Görke
Ulrich Schöntube, Pfarrer mit Trompete.
Die Idee muss ihm im letzten Frühjahr gekommen sein, während der ersten Phase, in der das öffentliche Leben in Deutschland zum Erliegen kam. Auch Gottesdienste durfte es in der gewohnten Weise nicht mehr geben, das gemeinschaftliche Singen von Liedern, für die evangelische Kirche eigentlich unverzichtbarer Bestandteil jeden Beisammenseins (Wach auf, mein Herz und singe …) sollte plötzlich nicht mehr sein … Da beschloss Ulrich Schöntube, Pfarrer an der evangelischen Johanneskirche in Berlin-Frohnau, das zu tun, was keine Corona-Restriktion verbieten konnte.
Denn das durfte er alleine tun, und dennoch war er zu hören: Er stieg die Treppen des Turms seiner Kirche hoch, bis zur Glockenstube, stellte sich an die Schallöffnungen in allen vier Himmelsrichtungen und spielte auf seiner Trompete. Choräle erklangen, Tag für Tag um 18 Uhr, und die Menschen blieben auf dem Zeltinger Platz stehen und lauschten, und gaben sich still dem Gefühl hin, dass da eine Macht doch stärker war als dieser Virus.
Seit vier Wochen tut Ulrich Schöntube nun wieder, was ihm wie ein Akt der Fröhlichkeit und der Befreiung war, tagaus, tagein, um 18 Uhr. Die Treppe ist bis zur Orgelempore eine ganze normale, für den 47-Jährigen keine Herausforderung, aber dann folgt eine schmale Stiege, Vorsicht, bitte Kopf einziehen, dann ist er in eben jener Glockenstube, in der auch die Stundenglocke hängt, die immer um 12 Uhr und um 18 Uhr läutet. Auf ihr steht in bronzenen Lettern: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende … Ist das nicht ein wunderbarer, zeitloser, und so aktueller Satz?
Ulrich Schöntube spielt Trompete seit seinem 13. Lebensjahr. Gelernt hat er es in einem Posaunenchor in Prenzlauer Berg. Sein Lehrer war Hans Liebmann, Solotrompeter an der Staatsoper. Trompete spielen, das kann man lernen, wenn das Talent da ist, aber es ist auch eine Frage der Kondition. Ulrich Schöntube hat das, was Blasmusiker eine „Naturschnute“ nennen. Er verfügt über, nun, wie soll man es bezeichnen, eine gute bläserische Kondition. Das muss in der Familie liegen, in den Genen, auch wenn die letzten Generationen der Schöntubes keine aktiven Musiker waren. Aber der Name ist aus der Zeit der Bauernkriege überliefert, aus Schmalkalden, da gab es einen begnadeten Bläser, der ein schönes Rohr hatte, eine „schöne tuba“ …
Und so eilt er denn nun Tag für Tag um 17:30 Uhr von zu Hause weg, für eine gute Stunde, was nur geht, wie er offen zugibt, weil seine Frau eben den Haushalt und die Familie zusammenhält. Die Kinder sind sieben, zehn und elf, zur Abendbrotzeit kümmert sich die Mutter um die irdischen Bedürfnisse, während der Vater in höherem Auftrag auf den Turm eilt…
3000 evangelische Musiker sind in den Posaunenchören der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg/Schlesische Oberlausitz organisiert, auch, wenn sie Trompete und nicht Posaune spielen. Ulrich Schöntube ist Landesposaunenpfarrer, und die Posaunenchortradition gehört zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen, der Unesco. Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Ulrich Schöntube ist begeisterter Musiker, ein fröhlicher Mensch, auch wenn er – nicht nur jeden Tag in der Vorweihnachtszeit um 18 Uhr – zur höheren Ehre Gottes Trompete spielt.
Wie sieht es überhaupt mit den Gottesdiensten in der Vorweihnachtswoche aus? Ich verzichte darauf, einzelne Zeiten für die verschiedenen Gemeinden zu nennen, weil die Planungen überall im Fluss sind, und das, was jetzt veröffentlich wird, schon morgen nicht mehr stimmen muss. Bitte informieren Sie sich direkt bei der Gemeinde, deren Gottesdienste Sie auch sonst besuchen.
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