Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.03.2021 von André Görke

Matthias Holtmann, 49, Schulleiter

Wenn man nicht genau aufpasst, fährt man auf der Auguste-Viktoria-Allee an der Max-Beckmann-Schule einfach vorbei. Berlins seit Jahren am meisten nachgefragte Sekundarschule hat kein auftrumpfendes Portal wie so viele zum Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete Schulbauten der damaligen Reichshauptstadt. Zwar wurde auch diese Schule 1907 gegründet und 1912 bis 1914 erweitert. Die Bevölkerung in diesem industrialisierten Vorort der noch nicht zu Groß-Berlin gewordenen Metropole war schnell gewachsen. Aber es sollte kein Gymnasium werden, also verzichtete der Auftraggeber auf wilhelminisches Gepränge. Es war eine Schule fürs Volk, von Anfang an, und das ist sie bis heute geblieben.

Darauf ist Matthias Holtmann besonders stolz. Zwar kommt „nur“ ein Drittel der Schülerinnen und Schüler aus der unmittelbaren Nachbarschaft und zwei Drittel aus ganz Berlin, mit einem Schwergewicht auf dem Norden und der Mitte der Stadt.

Aber diese Schule spiegelt die Multi-Kulti-Atmosphäre der Stadt sowohl in der Schüler- als auch in der Lehrerschaft wider. Holtmann hat in seiner Laufbahn als Lehrer diesen Geist der Internationalität und der Multikulturalität gelernt und gelebt. Er war acht Jahre lang Leiter der Deutschen Schule im brasilianischen Sao Paulo.

Diese Schule hatte für uns unvorstellbare 11.000 Schüler, 1600 davon Vollstipendiaten, die aus den Favelas, den Armutsvierteln der Stadt kamen. Wenn ein konfliktfreies Zusammenleben und Lernen von so vielen Menschen – den Willen dazu immer vorausgesetzt – möglich ist, dann muss das auch mit 1000 Schülerinnen und Schülern gelingen. Diese Überzeugung hat er mitgebracht, als er vor sieben Jahren nach Berlin kam. Er ist erkennbar stolz darauf, dass sich unter seinen Lehrerinnen und Lehrern auch Japaner, Kanadier und Norweger befinden.

In der Schülerschaft dominiert nicht eine bestimmte ethnische Gruppe, auch das erleichtert das miteinander. Und was Schulleiter Holtmann auch noch gerade einfällt: Dass seine Schule seit vier Jahren die beliebteste Sekundarschule der Stadt sei, stimme nicht, er habe gerade mal nachgeschaut. Das sei schon seit sechs Jahren so. Und man hört durchs Telefon geradezu, wie er dabei schmunzelt.

Wie findet eine solche Schule, die ja geradezu überlaufen wird von Bewerberinnen und Bewerbern, die Mädchen und Jungs, die „passen“? Holtmann und seine Kolleginnen und Kollegen wollen ja nicht nur denjenigen eine Chance geben, die mit Topp-Noten am Schulportal stehen. Am „Max Beckmann“ gibt es Aufnahmegespräche, gerade für Kinder in den bi-lingualen Klassen und solche, die in die Kunstklassen wollen. Sie bringen ihre eigenen Werke mit – und finden im Schulleiter, der selbst Kunsterzieher ist, einen kompetenten Gesprächspartner. Der Name Max Beckmann verpflichtet schließlich.

Vielleicht hilft ein Gespür für Ästhetik auch bei der Leitung einer solchen Schule. „Wir haben hier erst einmal den furchtbaren grauen Innenanstrich beseitigt“, erzählt er, und: „Eine Schule muss positiv wahrgenommen werden“ Diesen Willen zur Harmonie spürt man schon, wenn man vor dem unscheinbaren Bau steht. Rechts davon liegt, mitten zwischen Büschen und Bäumen, ein Lehrerparkplatz. Von dem bemerkt man nicht viel.

Was man sieht, sind bunte Lampions, die in die Dunkelheit strahlen und neugierig machen – was ist das für ein Zauberland dahinter? Zum Mittendrin-Gefühl trägt auch bei, dass die 8. Klassen im Kiez soziale Projekte betreuen, Kranken und Alten helfen, Lehrerinnen und Lehrer im Quartiersrat aktiv sind.

Was jetzt noch fehlt? Wir sollen einen Neubau bekommen, erzählt der gerade noch 49-jährige, im Februar hätte Baubeginn sein sollen, aber Corona, na ja, man kennt das. Es wird nicht die erste Erweiterung, fast 200 Meter lang ist bis heute der Schulbau durch immer neue Anbauten geworden. Aber wahrscheinlich gilt auch für diese Schule der schöne Satz aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de St. Exupéry: Das eigentliche ist unsichtbar.

PS: Ein schönes Beispiel für das soziale Engagement der Schule ist eine Aktion, für die der Schulleiter warb: Seit vier Jahren kommen die Schülerinnen und Schüler unter dem Titel „Allee der Fragen“ mit den Menschen rund um die Auguste-Viktoria-Allee ins Gespräch, ins Diskutieren und Philosophieren. Es ging bislang um Themen wie die Wahrheit, die Erkenntnis, die Ethik und in diesem besonderen Jahr um die Freiheit.

Die Ergebnisse dieses Fragenprozesses können vom kommenden Dienstag an rund um die Auguste-Viktoria-Allee erlebt werden. An verschiedenen persönlichen „Orten der Freiheit“ können die Reflexionen gefunden und in einem Sammelalbum zusammengetragen werden, das im Quartiersbüro erhältlich ist. – Foto: C. Kügele-Jeschal

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