Nachbarschaft

Veröffentlicht am 31.03.2021 von Gerd Appenzeller

Susanne Braun, Friseurin, selbständig, sauer

Acht Jahre ist es jetzt her, dass Susanne Braun den Friseursalon am Hermsdorfer Damm übernommen hat, aber auch schon viele Jahre davor kamen die Hermsdorferinnen (na ja, auch Männer, klar) hier her, um sich die Haare machen zu lassen. Susanne Braun stammt von hier, auch ihre Mutter ist aus Hermsdorf, in einem Drei-Generationen-Haus wohnen sie ganz nahe bei. Sie hat drei Kolleginnen, ihr Geschäft ist im Kiez gut verankert, viel Stammkundschaft hält den vier Frauen seit Jahren die Treue. Wenn es nach Susanne Braun geht, kann das auch gerne noch viele Jahre so bleiben, alleine, Corona, vor alle aber, wie die Politik mit der Pandemie umgeht, macht ihr und den Kolleginnen Sorgen.

Susanne Braun ist kein Klageweib, aber sie ist eben auch Unternehmerin, und bei aller Freundlichkeit – Friseure müssen das sein, nicht nur die Haare machen ist Kern des Geschäfts – ist sie ziemlich sauer. Ihr fehlt die Perspektive, und was sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten da für den Gründonnerstag und den Ostersamstag ausgedacht hatten, kann sie nur mit dem Satz kommentieren: „Die sitzen ja im Elfenbeinturm!“. Weihnachten und Ostern, das sind nicht nur den christlichen Kalender Fixpunkte des Jahres, sondern auch für Friseure. Vor allem die Damen, und da gerade auch die älteren, wollen zu den Familienbegegnungen mit einem frisch frisierten Kopf gehen. Friseure schauen vor Ostern auf den Wetterbericht. Dauerregen ist nicht gut fürs Geschäft, aber der bremste dann allenfalls die spontane Kundschaft – eigentlich sind beide Tage viele Wochen voraus fest ausgebucht.

Und dann kommt so was! Donnerstag zu, Ostersamstag zu! Hektisches Telefonieren, Ersatztermine suchen, den Montag davor aufmachen, obwohl das ja Friseurfeiertag ist. Feierabend verschieben, ein bisschen schneller arbeiten. Und dann die Rolle rückwärts! Alles wieder auf Anfang. Susanne Braun ist einerseits froh, dass da doch noch die Vernunft eingekehrt ist, aber, fragt sie wieder: Wissen die denn alle nicht, wie das Leben so ist?

So wie ihr geht es vielen Einzelhändlern, das Wehklagen der selbstbewussten Inhaberin des Friseursalons ist das Klagen einer ganzen Branche. Kurzarbeitergeld hat den Angestellten einigermaßen über die Runden geholfen, aber wenn man keinen Partner hat, vielleicht alleine ein Kind betreuen muss, wird das sehr hart. Und die Gelder vom Staat fließen eben auch nur sehr zögerlich. Was man selber tun kann, hat sie in ihrem Geschäft getan. In der einen Ecke brummt ein großer elektrischer Luftfilter vor sich hin, man könnte hier auch ohne Maske arbeiten, aber irgendwelche Erleichterungen? Fehlanzeige! Das sagen auch die älteren Kundinnen, die beide Impfungen hinter sich haben, und dennoch so behandelt werden, als seien sie jetzt nicht ziemlich gut vor Infektionen geschützt.

Und was kommt als nächstes? Termin vereinbaren nur noch, wenn Kunden einen aktuellen negativen Test vorweisen? Am Dienstag hat der Senat noch darüber beraten. Susanne Braun ist realistisch. Die Familie ist es auch. Feierabend. Der 21-jährige Sohn tritt ein, grüßt freundlich und sagt zu seiner Mutter: Komm, Mama, aufräumen.

Wenn die Politik schon pennt, die Familie ist wenigstens wach.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: gerd.appenzeller@tagesspiegel.de

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