Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.05.2021 von Gerd Appenzeller

Es begann mit einer Zeichnung, die ich bei Facebook durch Zufall sah. Sie zeigte den Zeitungskiosk an der Ecke Gorkistraße und Ziekowstraße in Tegel. Die Situation war von der Malerin oder dem Maler perfekt erfasst worden: präzise wie ein Foto, aber voll jener Ausstrahlung, die nur die künstlerische Bearbeitung erzielt.

Wenig später entdeckte ich ein zweites Motiv. Es war das Detail einer steinernen Brücke, die ich kannte. Ich fühlte mich, als stünde ich unmittelbar davor. Wer war das, der oder die mit scheinbar leichter Hand aquarellieren und Stimmungen einfangen konnte? Ich suchte und fand: Katrin Merle.

Sie hat ein kleines Atelier im Kunstzentrum Süd in der Neheimer Straße in Tegel. Viele Kunstinteressierte kennen dieses Refugium vieler Malerinnen und Maler, Grafiker, Entwerfer, die dank einer Stiftung im einstigen Verwaltungsgebäude eines ehemaligen Rüstungskonzerns Unterschlupf gefunden haben. Die geborene Hermsdorferin, Jahrgang 1967, aufgewachsen am Waldsee, kann sich seit 2009 hierhin zurückziehen, wenn sie arbeiten will. Wobei: Das stimmt so nur bedingt. Denn ein Großteil ihrer künstlerischen Arbeit findet auf der Straße statt. Wie das? Nun, die ausgebildete Modedesignerin und Grafikerin ist ein „urban sketcher“.

Wenn Sie diesen Begriff nicht kennen, sind sie nicht allein. Es gibt ihn erst seit 2007. Er stammt von einem Illustrator aus Seattle, der ihn für jene Maler prägte, die immer „vor Ort“ arbeiten, nie nach dem Foto, nie nach der Phantasie, sondern angesichts dessen, was sie malen wollen. In Berlin gibt es, so schätzt Katrin Merle, vielleicht 60 oder 70 dieser speziellen Künstler, an weltweiten Treffen nehmen 700 bis 800 Urban Sketcher teil. In Amsterdam und Porto war sie selbst schon mit dabei. Von globalen Meetings in Barcelona und Singapur hatte sie gehört. Darüber, was Berliner „urban sketcher“ so machen, kann man sich im Netz informieren. „Urban Sketcher“ haben drei Prinzipien:

  • Sie malen immer und ausschließlich vor Ort
  • Sie malen die Welt, wie sie ist, ungeschönt, und wenn da eine Mülltonne steht, dann ist die auch auf dem Bild
  • Sie teilen ihre Arbeiten im Internet.

Vor allem der letzte Punkt ist Katrin Merle wichtig. Denn was sie malt, ist so kleinformatig und in einem Skizzenheft festgehalten, dass es unverkäuflich ist. Also zeigen sich die Urban Sketcher ihre Arbeiten untereinander im Internet, bei Instagram oder bei Facebook, im Schutz der Gruppe. Da gibt man sich auch gegenseitig Anregungen. Und was ist, wenn ein Außenstehender da eine Zeichnung entdeckt, die ihm oder ihr so gefällt, dass der Betrachter sie unbedingt kaufen möchte? Dann muss sich der Urban Sketcher entscheiden, sagt Katrin Merle: Male ich das noch einmal, größer, und verkaufe es – oder sage ich nein?

Wer das Material sieht, mit dem sie arbeitet, malt, kann sich kaum vorstellen, dass so wahre Kunstwerke entstehen. Der Aquarellkasten ist klein, gerade einmal ein Drittel eines normalen Schulmalkastens, und die Farbtiegel sind auch nur halb so groß. Aber, frage ich sie, man braucht doch Wasser zum Aquarellieren? Ja, lächelt sie, und zeigt kleine Aquarellpinsel an deren Griff ein winziger Wasserbehälter sitzt, der durch einen Hohlraum im Pinselgriff die Flüssigkeit noch vorne zum Pinsel selbst führt.

Nun ist das alles wunderschön, aber kann man davon leben? Nein, gibt sie ehrlich zu. Aber Katrin Merle hat auch noch ein zweites Berufsleben. Sie ist eine geradezu begnadete Illustratorin von Kinder- und Jugendbüchern. Verlage wie Annette Betz, Cornelsen, Klett, Schroedel und Ravensburger arbeiten mit ihr zusammen. Langenscheidt hat ein von ihr künstlerisch gestaltetes Wörterbuch ohne Worte herausgebracht.

Wer in einem Land, von dessen Sprache und Schrift er keine Ahnung hat, unterwegs ist, kann auf Zeichnungen deuten, von Obst über Brot und Käse bis zu einer Ärztin, und sich so zum Ziel führen lassen. Und für Migranten, die mit deutschen Behörden in Kontakt kommen müssen, von deren komplizierten Namen sie keine Ahnung und keine Übersetzung in ihre Muttersprache haben, gibt es noch einen speziellen „Dictionaire“. Wollen Sie mal draufschauen? Bitte sehr: lovelybooks.de

Und wenn Sie das Bild einmal sehen wollen, das am Anfang meines Weges zu Katrin Merle stand, jener Zeitungskiosk in Tegel, dann folgen Sie einfach diesem Link: katrinmerle.de. Da finden Sie noch mehr über ihre Arbeiten. Zum Beispiel auch, dass sie in Supermärkten weggeworfene Einkaufszettel sammelt und um die Details phantasievolle Geschichten spinnt und malt, und die dann wiederum als Postkarten an andere „urban sketcher“ verschickt…

Was nicht auf ihrer homepage steht: Sie sucht gerade eine Wohnung, gerne um die 65 Quadratmeter. Also, wenn jemand kunstinteressiert ist…

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: gerd.appenzeller@tagesspiegel.de