Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.10.2023 von Lisa Erzsa Weil

Einmal durch den Haupteingang, geradeaus durch die Allee, vorbei am Ankunftszentrum für Geflüchtete, wo nun auch ein Großzelt steht. Wenige Meter weiter findet sich dann rechts ein Schild, das auf die Ausstellung „Totgeschwiegen“ in Haus 10 aufmerksam macht. Dort, auf dem fragmentierten Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, geht es um die traurige Geschichte der  „Wittenauer Heilstätten“. Und dort treffe ich Christina Härtel, Mitautorin der Ausstellung und Vorsitzende des Vereins „Totgeschwiegen“.

Sie war von der ersten Stunde an beteiligt. „Ich habe auf diesem Gelände seit 1982 bis zu meiner Rente gearbeitet, bin psychologische Psychotherapeutin“, erklärt Härtel. Der Start zu der Erarbeitung der Ausstellung „Totgeschwiegen“ liege schon länger zurück. „1983 fand eine Begehung des Landesarchivs Berlin im Eichborndamm statt mit der Frage, ob es noch Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt. Tatsächlich lagen sehr viele Unterlagen und auch Krankenakten im Archiv.“

Und dann begann die Bearbeitung dieser Akten. 80.000 bis 100.000 an der Zahl, Aufnahmebücher, Verlegungsbücher, Sterbebücher, Sterilisationsbücher und Vieles mehr. Das Ziel damals: anhand der Erforschung der Dokumente eine Ausstellung zu erarbeiten und ein Buch zu schreiben. Der Titel „Totgeschwiegen“ war damals schnell gewählt: „Das ist eine Zeit, die in der Geschichte der Anstalt, bis wir mit ihrer Erforschung begannen, totgeschwiegen worden ist“, sagt Härtel.

Dabei beginnt die Geschichte nicht erst 1933, sondern schon in der Gründerzeit 1880, in der „Irren- und Idiotenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf“, wie sie damals hieß. „Irre und Idiotie waren damals gängige Diagnosen“, erläutert Härtel. Die „Irren“ waren die psychisch kranken Menschen, die „Idioten“ die geistig behinderten Menschen.Bis in die 1980-er Jahre lebten sie hier gemeinsam.

„Im Laufe der Jahre war es einfach sehr genau nachvollziehbar, dass es Entwicklungslinien im Umgang mit den Patienten in den Nationalsozialismus hinein gab“, erklärt Härtel. Das Konzept der Anstalt war anfangs fortschrittlich. Sie wurde weit vor den Toren der Stadt in der grüne Lunge eröffnet und bot den Patienten und Patientinnen ein erholsames Ambiente.

Zwar waren die Bedingungen schwierig, die Fenster vergittert (auch heute sind noch die Original-Gitterstäbe zu sehen), und in den Schlafsälen standen 15 bis 20 Betten. Doch es gab sinnstiftende Tätigkeiten von Landwirtschaft und Sattlerei über Küche und Buchbinderei bis hin zur Nähstube. In der Ausstellung finden sich aus dieser Anfangszeit Fotos von fröhlich musizierenden Patient:innen oder auch von Personal, das die Patient:innen über Alkoholabhängigkeit aufklärt. „Wir sagen heute Psychoedukation dazu“, erklärt Härtel.

Doch der Erste Weltkrieg sorgt für große Not. Er kostet Millionen von Menschen das Leben, es herrschen Arbeitskräftemangel und eine massive Wirtschaftskrise. Ein Nährboden für den erstarkenden Rechtsradikalismus. „Angesichts der großen Not wird in den zwanziger Jahren wird der Blick immer mehr auf die Nützlichkeit gerichtet“, erläutert Härtel.

„Es wird auch in der psychiatrischen Landschaft ganz offen und breit diskutiert, ob es wirklich sinnvoll ist, dass junge, gesunde Menschen ihre Arbeitskraft diesen ‚Kreaturen‘ widmen oder ob man diese Menschen von ihrem ‚lebensunwerten Leben‘ befreien sollte.“ Diese Betrachtung habe breite Zustimmung gefunden, nur die Umsetzung habe man noch nicht entwickelt.

In dieser Zeit sei auch die Zwangssterilisation vorbereitet worden. „Das ist zunächst kein nationalsozialistisches Phänomen, was es natürlich nicht besser macht. Aber es war damals fast auf der ganzen Welt üblich“, erklärt Härtel. Fortan sichtet ein Erbarzt alle Krankengeschichten. Menschen mit Erkrankungen, von denen man damals davon ausging, dass sie vererbbar seien – wie Schizophrenie, angeborene Blindheit, Taubheit, Epilepsie und mehr – werden zur Zwangssterilisation vorbereitet.

„Das entsprechende Gesetz tritt 1934 in Kraft und wird an 350.000 Menschen im gesamten damaligen Deutschen Reich durchgeführt“, weiß Härtel. Zwangssterilisationen werden bis zu Kriegsbeginn durchgeführt, dann wird das Sanitätspersonal in den Tötungsanstalten gebraucht.

Auch der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer, später Namensgeber der Klinik, sei überzeugt gewesen von der Richtigkeit der Zwangssterilisation. Er habe unter anderem erbbiologische Kurse für Ärzte durchgeführt, Gutachten erstellt. An der sogenannten „Euthanasie“ war er jedoch nie beteiligt. Seine Söhne Dietrich und Klaus Bonhoeffer sowie seine Schwiegersöhne Hans von Dohnányi und Rüdiger Schleicher wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

„Unsere Darstellung der Rolle von Karl Bonhoeffer ist von der Familie sehr kritisch gesehen worden“, gibt Härtel zu. Diese habe argumentiert, man dürfe den Vater von Widerstandskämpfern nicht als Täter im Rahmen der Zwangssterilisation darstellen. „Er hat sich damals auf dem Stand der Wissenschaft und auf der Grundlage eines Gesetzes bewegt. Doch aus heutiger Sicht ist das Gesetz unmoralisch. Und trotzdem, Gott sei Dank, dass es diese Familie gegeben hat.“

Die „Euthanasie“ hingegen wird nie Gesetz. In den Dreißigerjahren nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird jedoch die Diskussion über die Durchführung wieder aufgenommen. „Die Zustimmung zur sogenannten ‚Euthanasie‘ war relativ breit“, erklärt Härtel. Es habe insgesamt eine veränderte Umgangskultur mit psychisch Kranken und geistig Behinderten gegeben: „Es wurden – auch schon in den Zwanzigerjahren – hemmungslos neue Therapieformen entwickelt, die völlig rücksichtslos gegenüber möglichen Nebenwirkungen waren, beispielsweise das Insulinschock-Verfahren.“

Im Laufe der Dreißigerjahre einigt man sich über die Frage, wer die Menschen wie zum Tode befördern solle: Bestimmt haben die Ärzte, die Methode war die Vergasung, unter Täuschung der Patient:innen, denen man sagte, man führe sie nur in den Duschraum. Auch die Hinterbliebenen wurden getäuscht: Auf den Todesurkunden standen unverdächtige Diagnosen wie Herzmuskelentartung, Lungenentzündung und Ähnliches.

„Sechs Tötungsanstalten mit Krematorien gab es, für Berlin war das zum Beispiel Brandenburg an der Havel“, erklärt Härtel. Die Vergasungen beauftragte Hitler im September 1939, sie fanden von Januar 1940 bis August 1941 statt. „Über Leben und Tod bestimmte eine Seite des Meldebogens, den die Ärztekomissionen ausfüllten. Mit Kriterien wie der Diagnose, aber auch der Frage nach der ‚Nützlichkeit‘ einer Person, also ob sie noch einer Tätigkeit nachgehen konnte.“

Sowohl die Zwangssterilisation als auch die sogenannte „Euthanasie“ seien ideologisch in der Bevölkerung implementiert worden. „Wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung“, sagt Härtel. „Das ist ja auch etwas, was wir heute immer wieder haben: Was kosten uns Menschen, die keiner Tätigkeit nachgehen, die aufgrund von Erkrankung oder ihrer Fluchtsituation nicht in der Lage sind, zu arbeiten, die nicht arbeiten dürfen, die von angeblichen Almosen abhängig sind.“ Damals sei das aufgerechnet worden: Was kostet eine Erbkrankheit mit Aufenthalt und möglicher Behandlung? Und wie viele gesunde Menschen können davon leben?

Hier, in den damaligen Wittenauer Heilstätten, werden keine Vergasungen durchgeführt. Doch ab Frühjahr 1942 gehen die Tötungen über Deportationen nach Obrawalde weiter, wo die Patientinnen und Patienten von Ärzten und Pflegepersonal  mit Überdosen von Medikamenten getötet, kremiert und in Massengräbern verscharrt werden. „Hier in Wittenau sind Menschen außerdem mit der von Professor Faltlhauser entwickelten Hungerkost verhungert und durch Vernachlässigen getötet worden, weil man sie nicht mehr behandelte“, erklärt Härtel. Auch das habe zu Tausenden von Toten in der Anstalt geführt.

In der Kinderabteilung habe es sogenannte „Kinder-Euthanasie“ gegeben, wie die Auswertung der Akten von 160 Kindern ergab. In der Ausstellung kann man auch die Schicksale einzelner Kinder nachlesen, wie das von Rosemarie K. Sie war die Tochter eines SS-Mannes, der selbst um die Tötung seines mit einer Behinderung geborenen Kindes bittet. „Der Obduzent behauptet, das Kind sei an einer Lungenentzündung gestorben. Es war die bestellte Tötung eines Vaters“, sagt Härtel.

„Die jüdischen Patienten stigmatisierten die Nationalsozialisten doppelt: durch ihren Glauben und durch die psychiatrische Erkrankung“, erklärt Härtel. Das habe sich auch in den Eintragungen in den Krankenakten niedergeschlagen mit Beschreibungen, die weit weg von medizinischen Themen waren, sondern nur der Verunglimpfung und Beschimpfung der Menschen dienten.

Etwas, das Härtel im Rahmen ihrer Forschung und Arbeit immer empört habe: „All das war nichts Geheimgehaltenes. Die Ärztekommissionen haben nach Hause geschrieben, ‚liebe Mutti, danke für die Leberwurstbrote. Ich habe heute wieder 500 Patienten gemacht‘. Die Angestellten aus den Tötungsanstalten haben sich nach Feierabend ihre ‚Heldentaten‘ in der Kneipe erzählt. Die wussten, was sie taten.“

Als nach Kriegsende die Soldaten der Roten Armee zu den Heilstätten kamen, hielten sie die Anstalt aufgrund der katastrophalen Ernährungslage der Patientinnen und Patienten für ein Konzentrationslager. Viele starben auch noch nach ihrer Befreiung. Den letzten Raum der Ausstellung hat eine Schulklasse mit ihrer Religionslehrerin gestaltet. „Die haben sich auf Spurensuche auf den Anstaltsfriedhof begeben und Biografien erstellt.“

„Es gibt nichts Gutes im Bösen“, sagt Härtel über das Leid in der Anstalt. „Das ist etwas, das nicht deutlich genug gesagt werden kann.“

  • Weitere Informationen zur Ausstellung „Totgeschwiegen“ finden Sie hier: www.totgeschwiegen.org Der Verein freut sich außerdem über Spenden.