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von Robert Klages

Veröffentlicht am 23.04.2019

Bezirksamt verteilt Spraydosen. Aber ist das auch Bio? Nachdem ich hier letzte Woche über die „Mitmachkampagne: Mach bunt, was dich stört“ (Achtung: Anmeldefrist endet am morgigen Mittwoch, 24. April) berichtet hatte, gab es auf Twitter zahlreiche Reaktionen. Die Aktion soll auf die Müllproblematik in Spandau aufmerksam machen. Dazu sollen Spraydosen herausgegeben werden und der Müll in Parks und anderen öffentlichen Bereichen farbig markiert oder umsprüht werden. So soll das Umweltbewusstsein gestärkt werden.

„… und in die Hunde-Kacke stecken wir bunte Fähnchen! Die Wirkung ist enorm!“, schrieb jemand dazu auf Twitter. Ein anderer Nutzer schrieb: „Wirklich ‚Mach bunt, was dich stört‘? Da gäbe es reichlich Wahlplakate die hier stören.“ Viele meinten, sich die Umsonst-Spraydosen abholen zu wollen? Kann man ja schließlich auch anderweitig nutzen, die Dinger, wie hinreichend bekannt sein dürfte. Dazu gab es dann letzte Woche auch einen wunderbaren Kurz-Comic von Naomi Fearn im Checkpoint mit Bürgermeister Michael Müller (SPD). Klar, wenn die Spandauer umsonst Spraydosen austeilen, ist halb Berlin zugesprüht?

Dann kam auch noch ernste Kritik an der Aktion. Denn sind die verwendeten Sprühdosen auch biologisch abbaubar? Es geht ja schließlich um die Umwelt. Und außerdem: Wäre es nicht sinnvoller, den Müll aufzuheben – als ihn mit Farbe einzukreisen? „Wie bescheuert ist das denn … den Müll wegräumen wär mal ne Alternative und nicht neues Material für die S/U-Bahnsprayer verschenken“, schrieb jemand. Oder: „Müll anmalen statt wegräumen ist so… typisch Berlin. Selbst in Spandau.“ Tweet.

Und Rechtsanwalt Rainer Hildebrand fordert sogar: „Ich erwarte, dass das Bezirksamt Spandau Ermittlungen gg. sich selbst aufnimmt insbes. wg. öffentlicher Aufforderung zu Ordnungswidrigkeiten gem. Par. 116 OWiG (i.V. mit 13, 39 Abs.5 Nr.1 -„erheblich“ wg. der Masse-, 69 Abs.3 Nr.12 BNatSchG -„Fläche behandelt“, Art.31 VerfBln).

Daraufhin hab ich dort nochmal nachgefragt: Die „Klima-Werkstatt Spandau“, welche die Aktion veranstaltet, versicherte, es handele sich um „Öko-Kreidesprays, die nach zwei Wochen verschwinden.“ Bei der Aktion gehe es „nicht um das Saubermachen, sondern darum, den Müll sichtbar zu machen.“ Man scheint dort auch auf Kritik vorbereitet zu sein. So wird ein Info-Blatt für Teilnehmende verteilt, auf denen steht, wie mit Kritik von Passanten während der Sprüh-Aktion umgegangen werden sollte: „Bleiben Sie souverän und gelassen. Versuchen Sie, Ihre Antworten auf das Nötigste zu reduzieren.“

Die leeren Dosen werden von der KlimaWerkstatt in der gelben Tonne entsorgt, heißt es in dem Flyer, der hier vollständig gelesen werden kann. Aber warum wird der Müll liegen gelassen? Klar, er soll sichtbar gemacht werden und dadurch Bürgerinnen und Bürger für die Problematik „sensibilisieren“. Und so wird den Mitmachenden von der Klima-Werkstatt empfohlen zu antworten: „Der Müll wird von der BSR regulär zu einem späteren Zeitpunkt beseitigt. Wenn der Aspekt der Sauberkeit wichtig ist, können Sie sich an einer Kehrenbürger-Aktion beteiligen oder selbst eine organisieren. Von der BSR erhalten Sie ein Kehrpaket und der Müll wird abgeholt.“

Dann bekam ich rund 10 Seiten Info-Material zu den verwendeten Kreidesprays zugeschickt: Es handelt sich um „Sparvar Kreidespray“ mit Verwendung des Stoffes Lackaerosol. „Das Spray ist FCKW-frei und organisch abbaubar, es gilt als umweltfreundlich und kann bedenkenlos auch an empfindlichen Untergründen, wie z.B. Erde und Gras, versprüht werden“, schreibt die KlimaWerkstatt Spandau. „Das Kreidespray wäscht sich durch Regen aus und enthält keine umweltschädlichen
Inhaltsstoffe.“

Trotzdem ist folgendes zu beachten: 

  • nicht rauchen
  • Kontakt mit Augen und Haut vermeiden
  • Kinder nur unter Aufsicht das Kreidespray benutzen lassen
  • nicht einatmen
  • nicht in direktem Sonnenlicht oder bei Temperaturen über 50° C benutzen.
  • nicht in der Nähe von leichtentzündlichen bzw. glühenden Objekten versprühen

Also versuchen Sie bitte nicht, noch brennende Zigarettenstummel zu „markieren“. Die „Maßnahmen zur Verhütung von Gefahren für Leben und Gesundheit durch Lackaerosole“ finden Sie hier. Und nun viel Spaß beim Umsprühen von Müll.

Robert Klages ist freier Mitarbeiter beim Tagesspiegel und vertritt hier immer mal wieder. Ansonsten schreibt er den Lichtenberg-Newsletter. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden. Er schreibt auch satirische Kurzgeschichten und ist damit auf Lesebühnen unterwegs. Mehr dazu hier: robert-klages.de

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