Intro

von André Görke

Veröffentlicht am 02.06.2020

Kein Platz mehr wegen Abstands-Gebot: Braucht Berlin ein 2. BVG-Schiff in der Corona-Krise? Am Hafen von Berlin-Kladow gab’s Frust. Die halbe Stadt machte sich am Wochenende auf den Weg in den Südwesten. Sonne, Pfingsten, BVG-Boot fahren. Dass es auf dem letzten Schiff über den Wannsee eng wird, ist bekannt – Berliner Sommer-Folklore. Doch jetzt spitzt sich die Lage zu. Aufs BVG-Boot dürfen in der Corona-Krise nämlich nur 150 Menschen – zu wenig, um den Ansturm der Städter in den Griff zu bekommen. Folge: lange Schlangen, lange Gesichter.

Pfingsten hat die BVG in Kladow kapituliert. Tagesspiegel-Leser berichten, dass die Leute in Wannsee sogar schon tapfer auf der Treppe hinauf zum S-Bahnhof standen – das Schiff sehen sie von dort nur aus der Ferne. Pfingstsonntag riet die BVG öffentlich davon ab, das Schiff zu benutzen: „Aufgrund der aktuellen Abstandsregel wurde die Kapazität der Fähren auf 150 Personen beschränkt. Momentan ist jede Fahrt zu 100 % ausgelastet. Bitte viel Zeit einplanen – oder die Fähre meiden.“ Wer mit dem Kinderwagen oder dem Fahrrad in Kladow strandet, hat einen langen Weg zurück vor sich auf dem Landweg. Kein Vergnügen mit Kindern.

CDU will zweites BVG-Schiff. Seit langer Zeit wird über den Einsatz eines zweiten Schiffes diskutiert. Bislang lehnt der Senat um Verkehrssenatorin Regine Günther, Grüne, das ab. Das geben die Zahlen nicht her. Es bleibe bei der „MS Wannsee“, die seit 2014 im Einsatz ist. „Für eine engere Taktung müsste ein zweites Schiff angeschafft werden, für das es aktuell keine wirtschaftliche Grundlage gäbe“, berichtete Bezirkschef Helmut Kleebank, SPD, im letzten Sommer aus einem Brief des Senats.

Doch jetzt ist die Situation eine andere: In der Corona-Krise wird Platz geschaffen, damit die Leute Abstand halten können. 1,50 Meter ist Pflicht – auch auf dem Wasser. Und die Sommerferien kommt erst noch. Also?

„Wir fordern eine zusätzliche Pop-up-Fähre von Kladow nach Wannsee, und zwar jetzt.“ Das sagte Arndt Meißner, Fraktionschef der CDU im Rathaus Spandau, am Pfingstwochenende. „Das ist eine sinnvolle Maßnahme gegen die überfüllte Fähre und eine Unterstützung für die gebeutelte Ausflugsschifffahrt. Wir fordern mehr Platz für den Urlaub daheim.“ Im Rathaus Spandau dürfte die Mehrheit dafür locker vorhanden sein.

Radwege werden in der Corona-Krise vergrößert. Also kann eine verkleinerte BVG-Fähre nicht die Lösung für den Sommer sein. Bislang fährt das BVG-Boot (300 Plätze, 60 Fahrräder, 5 Rollstühle) nur einmal in der Stunde.

Nach BVG-Informationen sind 60 Fahrten pro Jahr so voll, dass der Kapitän keine Passagiere mehr aufnimmt – das sind weniger als 1 % der Fahrten. In der Regel reichten die Kapazitäten bisher aus, um die vielen Touristen aus der Innenstadt aufzunehmen. 2019 hatte der Senat die Fährzeiten ausgeweitet. Das letzte Boot fährt jetzt um 20.30 Uhr aus Kladow zurück. Werktags legt die erste Fähre in Wannsee um 6 Uhr ab, sonnabends um 7 Uhr und sonntags um 9 Uhr.

Betriebskosten pro Jahr: 615.000 Euro. Das Geld geht an die „Stern & Kreisschifffahrt“, die den Job für die BVG erledigt.

Die temporäre Lösung: ein zweites Schiff an den Wochenenden? Wenn die „MS Wannsee“ repariert wird, schickt die BVG die kleinere „MS Tempelhof“ auf die 20 Minuten lange Fahrt über den Wannsee. Dieses BVG-Schiff liegt im Hafen von Wannsee am Anleger – hier Fotos. Die „MS Tempelhof“ hat ein Freiluft-Oberdeck, aber weniger Platz für Fahrräder. Und es ist nicht barrierefrei. Allerdings könnten 200 weitere Fahrgäste aus Kladow so zurück in die Innenstadt gebracht werden. Wäre das nichts für die Sommerwochenenden, zumindest „temporär“ in der Corona-Krise? Noch 3 Wochen bis zu den Ferien. – Text: André Görke
+++
Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. Unsere „Leute“-Newsletter mit konkreten Nachrichten aus dem Bezirk, Kiez-Debatten, Tipps und Terminen haben schon mehr als 210.000 Abos. Die Newsletter gibt es für alle 12 Bezirke kostenlos und in voller Länge unter unter leute.tagesspiegel.de.
+++
Meine Themen im aktuellen Spandau-Newsletter – eine Auswahl.

  • Kein Platz mehr wegen Abstands-Gebot: Braucht Berlin ein 2. BVG-Schiff in der Corona-Krise? CDU befürwortet eine „temporäre“ Lösung zwischen Kladow und Wannsee – zum Beispiel ein zweites Schiff an den Sommerwochenenden
  • Ein Pfau begeistert Spandau. Und eine Leserin erinnert sich an die erste Begegnung an der Scharfen Lanke: „Alles begann 1991“
  • „Wir starten wie der BER“: Chefin des Open-Air-Kinos in der Altstadt spricht über Saisonstart
  • Ärger um Xavier Naidoo in der Zitadelle: „Politik darf ihm keine Bühne geben“
  • Tagesspiegel-Chef Lorenz Maroldt schreibt über seine alte Liebe Spandau
  • Sandstürme an der Havel: Ärger an der 300-Mio-Baustelle – so reagiert der Baukonzern gegenüber der Insel Eiswerder
  • Altstadt-Umbau beginnt: Hier sind die Pläne
  • Luftwaffenmuseum in Kladow: Neue Schau beginnt am…
  • Neue Krimi-Serie wird in alter Spandauer Kaserne gedreht. Wollen Sie mitmachen?
  • Der Märchen-Berg von Gatow
  • …und noch viel mehr Bezirksnachrichten, Termine und Tipps im Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel. Den gibt es hier – leute.tagesspiegel.de