Intro

von Robert Klages

Veröffentlicht am 07.07.2020

in Haselhorst befindet sich „Haselwood“, das Hollywood Spandaus. In den „CCC Filmkunststudios“ hat Filmproduzent Artur Brauner früher mit Romy Schneider Filme wie „Mädchen in Uniform“ (1958) gedreht. Auch Teile der ersten Staffel von „Dark“, dieser Netflix-Serie über die gerade alle reden, wurden hier produziert. Oder „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Aktuell werden neue Folgen von „Ku’damm 36“, einer ZDF-Serie, aufgenommen – die Arbeiten pausieren allerdings aufgrund der Coronapandemie. Im August soll es weitergehen.

„Es ist krass schwer unter diesen Corona-Bedingungen zu drehen“, erzählt mir Alice Brauner. Sie ist Geschäftsführerin der „CCC Filmkunst GmbH“ und Teil der Erbengemeinschaft. Artur Brauner war 2019 im Alter von 100 Jahren verstorben. Seit vier Jahren verbuche man in Spandau Rekordumsätze mit der Filmproduktion, erzählt seine Tochter. „Natürlich hat Corona das eingebremst, aber ich musste keine Subventionen beantragen. Ich möchte das aus eigener Kraft schaffen“, sagt Alice Brauner weiter, die in Wilmersdorf wohnt. Der Erbpachtvertrag für die Studios läuft 39 Jahre.

Ihr Vater habe darüber nachgedacht, die Studios in Spandau zu verkaufen, aber sie wollte das nicht und übernahm die Geschäftsführung. Sie ist auch Filmemacherin. Ihre letzte Produktion ist die Komödie „Matze, Kebab und Sauerkraut“, bei der sich ein Jude und ein Araber, beste Freunde, in eine Bayerische Katholikin verlieben. Ende August zu sehen auf dem Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen. Ihr Werk „Crescendo“ hatte im Januar Premiere und 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, bevor der Kinobetrieb aufgrund von Corona eingestellt wurde.

In den USA läuft „Crescendo“ online: Für rund 13 Dollar kann man eine Kinokarte kaufen und sich dann entscheiden, ob man ins Kino geht oder sich zeitgleich zur Vorführung den Film zuhause ansieht.

Brauner sieht hier ein denkbares Konzept für die Zukunft des Kinos. Wenn Lichtspielhäuser die Filme über ihre Website verkaufen würden, könnten auch kleinere Kinos mehrere Filme anbieten, obwohl sie nur einen Saal haben. Aber die Technik in Deutschland sei wohl noch nicht soweit. Unterdessen sterben hierzulande immer mehr Kinos.

So auch das „Colosseum“ in Pankow, das von Artur Brauner 1997 wiedereröffnet wurde. Nach Brauners Tod übernahm sein Sohn Sammy Brauner die Geschäftsführung, es gehört nun der Erbengemeinschaft. Kurz nach dem Tod der Filmlegende Brauner wurde für das Colosseum Insolvenz angemeldet, über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Diese demonstrierten am 2. Juli in Pankow, während an diesem Tag alle anderen Kinos in Berlin wieder den Betrieb aufnahmen. Das Kinopersonal ist wütend auf die Kinoerben und glaubt der Version von Sammy Brauner nicht, dass sich das Kino nicht mehr rentiert habe.

Alice Brauner versteht, dass die Kinomitarbeiter sauer sind, man hätte anders mit ihnen umgehen sollen. „Es wäre zwar nicht zu vermeiden gewesen, aber man hätte Empfehlungsschreiben für andere Kulturstätten schreiben können oder Ähnliches“, sagte sie mir. Was das Kino angeht, teilt sie aber die Meinung ihres Bruders: „Dieses Kino war nicht das Vermächtnis meines Vaters. Das waren seine Filme, Produktionen und seine Studios. Ich bin mega dankbar, in diese Familie reingeboren zu sein. Ich werde alles tun, um die Filme meines Vaters aufrechtzuerhalten, aber das Colosseum gehört sicherlich nicht zu seinem Vermächtnis.“

Sie hält es für heuchlerisch vom Bezirk Pankow, die Brauner-Erben als Vernichter einer Kulturstätte darzustellen. Sie hätten alles versucht, um zum Erfolg des Colosseums beizutragen. Es sei ja nicht das einzige Kino, das in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen schließt oder wird schließen müssen. Der erste Schlag für das Colosseum sei die Eröffnung des Kinos in der benachbarten Kulturbrauerei gewesen. Dann kamen die Streamingportale. Und der letzte Dolchstoß sei Corona gewesen.

Fast 7000 Menschen haben eine Petition zum Erhalt des Colosseums unterzeichnet. „Wie viele von denen, die unterschrieben haben, wann waren die zuletzt im Colosseum, und wie häufig?“, fragt Alice Brauner.

„Es ist leicht, die bösen bösen Kapitalistenkinder für die Schließung verantwortlich zu machen, das finde ich unfair“, so Alice Brauner weiter. Sie hält nicht viel von einem Multiplex-Kino. Was das angeht, teile ich ihre Meinung. Ich war als Studierender in Düsseldorf Filmvorführer in mehreren Programmkinos. In die großen CineStars zieht es mich nach wie vor nur selten. Trotzdem finde ich es sehr schade, dass das Colosseum schließen muss. Besonders Kinder haben das Spatzenkino geliebt. Der große Saal des Colosseums steht unter Denkmalschutz. Das heißt, es gibt Hoffnung.

Meinen Vorschlag, dort eine Art „Brauner-Kino“ einzurichten, finde Alice Brauner nicht so gut. Das würde sich vielleicht für ein Jahr tragen und danach nicht mehr rentieren. Schade eigentlich, ich würde mir ein gutes Filmkunstkino im Osten der Stadt wünschen, mit Spatzenkino. Einige Teile des Areals könnten als Büroflächen vermietet werden, der Bezirk würde das Kino sicherlich auch unterstützten. Was mit dem Areal passiert, stehe noch nicht fest, sagt Brauner. Das entscheide die Erbengemeinschaft. Aber sie sagt auch klar: „Nicht alle in der Erbengemeinschaft sind Cineasten.“

Nach diesem Ausflug nach Pankow machen wir mit Spandau weiter. Um die CCC-Studios in Haselhorst entsteht „Waterkant Berlin“, ein riesiges neues Wohnviertel. Auch auf dem Nachbargrundstück der Studios soll gebaut werden. Weil die Gewobag Wohnungen schaffen will, werden Gewerbegebiete vernichtet, ein Künstler verliert seine Existenz und liegt im Streit mit der Gewobag. Mehr dazu in der Rubrik „Nachbarschaft.“

Robert Klages ist freier Journalist beim Tagesspiegel. Schreibt ihm bei Anregungen, Kritik, Wünschen, Tipps bitte eine E-Mail an leute-r.klages@tagesspiegel.de. Ansonsten ist er auch auf FacebookTwitter und Instagram zu finden. Satirische Kurzgeschichten von ihm könnt ihr auf robert-klages.de lesen. 

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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