Intro

von André Görke

Veröffentlicht am 08.09.2020

Wer bestattet die, die arm und einsam sind? Na, das Rathaus. Im Verwaltungsjargon ist die Rede von „ordnungsbehördlichen Bestattungen“ und „Sozialbestattungen“ (wenn zum Beispiel der Erbe das Geld nicht hat). Im Abgeordnetenhaus hat sich jetzt Sebastian Schlüsselburg, Linke, dahintergeklemmt.

Berlin-Spandau liegt ganz weit vorn in dieser traurigen Tabelle: 119 Sozialbestattungen gab es im ersten Halbjahr 2020 in Spandau, bei berlinweit 670 Sozialbestattungen – und Spandau ist wohlgemerkt der kleinste Bezirk in Berlin. 77.000 Euro hat der Bezirk dafür in die Hand genommen.

Bei den „ordnungsbehördlichen Bestattungen“ waren es 80 Begräbnisse in Spandau im ersten Halbjahr 2020 – ein Mittelfeldplatz in der Berlin-Tabelle. Und wie läuft das jetzt konkret in Spandau, wenn keine Familie da ist und auch kein Geld? Mensch tot, Akte zu, Pflock in den Boden, Grabnummer ran – und tschüs? Nicht ganz. „Die Kapelle wird durch den Friedhof geschmückt und auf jede Grabstelle eine Blume gepflanzt“, heißt es im Rathaus. 77.000 Euro gab Spandau dafür im ersten Halbjahr aus. – Quelle: schriftl. Anfrage

Und warum gibt es so viele Armutsbestattungen in Spandau? Vor wenigen Minuten erreichte mich Gesundheitsstadtrat Frank Bewig, CDU. Der sagte dem Spandau-Newsletter das hier: „Spandau ist hier zum wiederholten Mal der Ausreißer. Begründet liegt diese Tatsache in der Altersstruktur der Spandauer Bevölkerung. Jüngere Menschen zieht es vermehrt in den Innenstadtbereich. In Spandau gibt es dadurch deutlich mehr ältere Menschen als beispielsweise in Mitte. Darunter befinden sich bedauerlicherweise auch sozial isolierte Menschen, die in Altersarmut leben müssen und somit nicht für ihre Bestattung vorsorgen können, weshalb es zu den so genannten ordnungsbehördlichen Bestattungen kommt.“

Gut: Es gibt eine öffentliche Gedenkfeier. Denn zumindest einmal im Jahr sollte auch an die armen Toten ohne Familie, ohne Freunde erinnert werden. „Ein würdevoller, menschlicher Abschied aus dieser Welt ist keine Frage des Geldbeutels“, hieß es im Antrag, der 2019 schnell eine Mehrheit fand im Rathaus. Letzten Winter lud Staakens Pfarrer Viktor Weber in die Kirche St. Nikolai und erinnerte mit 80 Gästen an die Toten. 91 Kerzen für 91 Menschen. Ein unbekannter Sponsor übernahm die Kosten. In diesem Winter soll es eine Wiederholung geben – in der Kirche St. Nikolai von Pfarrer Björn Borrmann.

„Vorgemerkt ist der 17. Januar 2021“, sagt Stadtrat Bewig. Veranstalter werde der Evangelische Kirchenkreis sein. „Im Rahmen dieser Trauerfeier werden sämtliche Namen der ordnungsbehördlich bestatteten Menschen, die in diesem Jahr verstorben sind, durch Pfarrer Borrmann verlesen.“ Spandau hat also auch gute Seiten. – Text: André Görke
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