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von André Görke

Veröffentlicht am 15.09.2020

Der Wahlkampf ist eröffnet. Die SPD hat ihren Bürgermeister-Kandidaten für Berlin-Spandau am Montag, kurz vor 20 Uhr, abgenickt. Kaufe ein „Ü“ und möchte lösen: Sein Name ist Henning Rußbült, 52, ein Ex-Schulleiter. Damit hat sich Spandaus SPD als erste Partei festgelegt. Wann folgen die anderen?

Im Mittelpunkt steht das Hans-Carossa-Gymnasium auf dem Flugplatz Gatow. Aktuelle Schülerzahl: 1045. „Aktuelle Schulleitung: N.N.„. Und damit sind wir auch schon Henning Rußbült. Der war  bis zum Sommer Chef an der Schule. Und weil die einen guten Ruf und ein klasse Netzwerk hat, war der Abschied nach zehn Jahren eigenartig. Zumal er einen Job in der Schulaufsicht im Rathaus antrat, der gar nicht sexy klang: „Referatsleiter Außenstelle Spandau“. Wollte der was ganz anderes? Und hätte er mitten im Schuljahr nicht wechseln können? Ich machte hier im Newsletter eine kleine Notiz.

Schon da gab’s Getuschel. Denn Rußbülts Chef im Rathaus war Schulstadtrat Helmut Kleebank, SPD. Der ist aktueller Bürgermeister und hört 2021 nach zehn Jahren auf. Wurde da einem gezeigt, wie das so läuft im Rathaus? Auch Kleebank war vorher Schulleiter – bis 2011 an der Heinrich-Böll-Schule in Hakenfelde – und Schulinspektor für den Bezirk. Vorteil: So lernt man im Vorfeld viele Fachleute, Ämter und Befindlichkeiten kennen. Dann ist der Tenor zum Start: „Hallöchen, ich bin’s, der Neue.“

Der Name blieb top secret. Kleebank und Spandaus SPD-Chef Raed Saleh hatten sich öffentlich nur festgelegt, dass der neue Kandidat im Herbst benannt werden sollte und diskutierten darüber – psssst! – schon mal bis in die Nacht in einem italienischen Restaurant an den Rieselfeldern. Bezirksstadtrat Stephan Machulik (seit 2011 im Amt) stand dem Vernehmen nach nicht zur Verfügung. Was er 2021 machen möchte, ist noch unklar. Bezirk? Abgeordnetenhaus?

Und wer ist nun dieser Rußbült? Spaki, Barfly, Falkensee. Hier ein Ritt durch die Biografie: Rußbült hat früher als Fußballer bei den Spandauer Kickers in Staaken gespielt und war ziemlich gut. Er ist Sport- und Geografie-Lehrer. Geboren in München, aufgewachsen in Haselhorst, Bernd-Ryke-Grundschule. Abi 1988 am Kant-Gymnasium, später Lehrer am Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasium in Siemensstadt. Seit 2001 IT-Regionalbetreuer in Spandau, was ja auch nicht doof sein muss. Die „Berliner Woche“ hat sogar recherchiert, dass er Kellner in der Kneipe „Barfly“ war. Vor einigen Jahren hat er mal sein Lebensmotto verraten: „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken.“ Bis zur Küste ist es allerdings weit: Er lebt mit seiner Familie in Falkensee (2 erwachsene Kinder).

Rußbült ist kein schnauzbärtiger Dorfonkel vom Havel-Ufer, eher Kategorie smart und städtisch. Wie und was er sagt? Hätte ich Ihnen an dieser Stelle gern erzählt, aber Spandaus SPD-Chef Raed Saleh hatte den Spandau-Newsletter nicht zur Vorstellungsrunde eingeladen.

Rußbült hat einen eigenen Twitter-Accounthier ist er. Ich folge ihm seit einiger Zeit mit allen Tagesspiegel-Kanälen, aber seitdem schweigt er auch. In der SPD wird er als Fachmann in Schulrechtsfragen beschrieben, andere loben seine unkomplizierte Ansprache („nicht belehrend und nicht pastoral“). Wieder andere berichten, dass er sogar sehr engagierte Kladower Eltern im Griff hatte. Ich werde ihm mal einen Fragebogen zukommen lassen, wenn alle Kandidaten feststehen – dann haben Sie einen besseren Vergleich.

„Ein Handicap hat der Kandidat“, schreibt mein Kollege Ulrich Zawatka-Gerlach, der die SPD seit Jahrzehnten begleitet hier in seinem Text. Rußbült hat zwar seit vier Monaten ein Parteibuch, darf aber, „weil er in Falkensee wohnt, nicht als SPD-Spitzenkandidat für die Bezirksverordnetenversammlung in Spandau antreten“.

Das Berliner Wahlrecht erlaubt dies nicht, und die CDU schickt schon mal routinierte Liebesgrüße: „Halbzeit-Spandauer“, nennt ihn Thorsten Schatz. „Lebt nicht in Berlin, will hier aber Politik gestalten“.

Bürgermeister könnte er trotzdem werden – falls die SPD nach der Wahl im Herbst 2021 die notwendige Mehrheit in der BVV für ihren Bewerber finden sollte. Nach der Bezirkswahl 2016 wurde der nun scheidende Bürgermeister Kleebank mit den Stimmen von SPD, Grünen, Linken und FDP im Amt bestätigt. Die Grünen im Rathaus Spandau allerdings turteln seit Monaten mit der CDU – trotz aller gegenseitiger Häme auf Landesebene.

Schulstadtrat dürfte Rußbült auch werden, denn Stadträte sind – wie der Bezirksbürgermeister – Mitglieder des Bezirksamts und haben dieselbe rechtliche Stellung.

Die Hans-Carossa-Schule ist übrigens eine Talentschmiede für die Politik. Auch Kai Wegner, Landeschef der CDU, hat diese Schule (damals noch in Hakenfelde) bis 1991 besucht und bringt sich so langsam als Spitzenkandidat für Berlin in Stellung. Sagt er nicht offiziell, kommt da aber auch nicht mehr raus. Und wer wird Spitzenkandidat für Spandau? Stadtrat Frank Bewig, wie hier neulich schon stand?  Dazu hat sich jetzt Ober-Boss Wegner geäußert. Dazu gibt’s gleich mehr in den Top-Nachrichten im aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. – Text: André Görke
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