Kiezkamera

Veröffentlicht am 17.12.2019 von André Görke

Mauerfall an Weihnachten vor 30 Jahren – waren Sie dabei? Das linke Foto entstand Heiligabend 1989 am provisorischen Grenzübergang am Glienicker See zwischen Berlin-Spandau (West-Berlin) und Groß-Glienicke (damals DDR, Brandenburg); das Bild rechts zeigt die Stelle heute an der Bundesstraße nach Potsdam: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 24. Dezember 1989 um 8 Uhr geteilt.“ Bei meiner Recherche im Tagesspiegel-Archiv stieß ich auf eine kuriose Geschichte. Ich habe Tränen gelacht!

Der Tagesspiegel berichtete damals, dass der neue Grenzübergang an drei Tagen geöffnet werde – als Weihnachtsgeschenk: „Heiligabend bis 24 Uhr, an Weihnachtstagen 8 bis 18 Uhr für Fußgänger und Radfahrer.“ Ein rührende Idee, denn für die Groß Glienicker bedeutete Heiligabend 1989 das Ende einer Teilung, die älter war als die Berliner Mauer. Bis 1945 gehörte auch der heutige Kladower Teil von Groß Glienicke zu der brandenburgischen Gemeinde, war im Zusammenhang mit dem Ausbau des Flugplatzes Gatow per Gebietsaustausch gegen West-Staaken dem britischen Sektor von Berlin zugeschlagen worden.

Plötzlich nahm die Geschichte eine irre Wendung. Ich stutze, als im Tagesspiegel-Archiv von einem SPD-Mann die Rede war, der im Spandauer Schulausschuss saß und eine gewisse Rolle an diesem Tag spielte. Sein Name: Michael Uhde. Ähm, Michael Uhde? Das ist doch nicht etwa… doch, das ist Michael Uhde, 70 Jahre alt und Reporterlegende von der „Berliner Morgenpost“, „Volksblatt“ und Co. Heute bloggt er u.a. fürs „Spandauer Stadtjournal“. Ich habe Uhde gleich mal angerufen und gefragt, ob er die Geschichte im Spandau-Newsletter erzählen mag. Er lachte fröhlich: „Na klar!“

  • „Ich wollte damals für die Zeitung fotografieren, den „Spandauer Anzeiger“. Im November 1989 fuhr ich also an die Grenze. Da stand ja keine Mauer am Stadtrand, sondern ein Zaun. Und dahinter entdeckte ich einen kleinen, dicken Mann, mit dem ich ins Gespräch kam. Wie sich herausstellte, war das Heinz Oschmann, Baudezernent im damals noch eigenständigen Groß Glienicke in der DDR. Wir plauderten, ich war in der SPD, also ganz gut vernetzt. Da sagte der:
  • Wir wollen die Grenze Heiligabend öffnen, aber wir brauchen einen Glaser für unser altes Grenzhäuschen und ein mobiles Klo für die Grenzer. Ob ich eine Idee hätte? Irre Nummer, kein Problem, sagte ich. Ich bin dann nach Hause und habe den alten Gerstmann angerufen, Alfred Gerstmann. Seine Glaserei gibt es heute noch in Kladow. Der hat das Häuschen repariert und eine Scheibe eingesetzt.
  • Und das Klo? Der Sprecher der BSR wohnte zufällig in Spandau. Den habe ich auch angerufen. Unser Bürgermeister, Werner Salomon, wusste natürlich Bescheid. Und dann brachten die BSR-Leute einen Toiletten-Wagen an die Grenze und schoben den über den Todesstreifen in die DDR. Einzige Bedingung: der musste nach Weihnachten wieder in West-Berlin stehen!
  • Glaubt einem heute kein Mensch, wie das 1989 ablief. Dann legten die DDR-Grenzer ein paar Betonplatten raus, öffneten den Zaun und wir durften alle rüber. Heiligabend und an den Weihnachtstagen war die Grenze schließlich auf.
  • Alle sind die heutige Potsdamer Chaussee entlang durch den Wald gelaufen, um den See herum und dann über die heutige Seepromenade ins Dorf. Das haben wir vom West-Berliner Ufer immer nur hinter der Mauer gesehen.
  • An der Badewiese gab es damals eine super Kneipe, mit DDR-Bier und so, die hat ein gutes Geschäft gemacht. Da standen dann alle, die Kladower, die Groß Glienicker, in der Nähe lag die Kirche – und am Ende waren alle nicht nur vor Glück trunken. Herrlich! Mitternacht mussten alle wieder in West-Berlin sein.
  • In Groß Glienicke war gut was los. Da wohnten viele Defa-Leute, Schauspieler, Regisseure. Ich erinnere mich noch ans Café Alexander, die hatten sogar West-Schnaps. Danach wurde die Grenze wieder geschlossen.
  • Silvester haben wir das alles wiederholt – da wurde die Grenze wieder zwei Tage geöffnet. Ach ja, das waren wirklich tolle Tage, auch für mich.
  • Ich bin in Kladow geboren. Ich habe später in Heidelberg bei der „Rhein-Neckar-Zeitung“ gelernt, habe dann Theologie studiert und war Religionslehrer in Schöneberg. In den 80er Jahren haben wir in Kladow gebaut. Meine Kinder gingen an die Grundschule am Ritterfeld – die hieß schon damals so und war mit 999 Schülern Berlins größte Grundschule. Auf den 1000. Schüler haben wir damals vergeblich gewartet. Aber wir – ich war damals Gesamtelternvertreter – haben es in guter Zusammenarbeit mit allen Beteiligten geschafft, den Bau einer weiteren Kladower Grundschule zu erreichen: die heutige Mary-Poppins-Grundschule.“

Und wie ging es weiter? Auf Dauer wurde der Grenzübergang am 30. Januar 1990 geöffnet, später wurde die Straße geteert. Und ab 1. Juli 1990 fuhr dann auch der erste Bus vom Rathaus Spandau zum Bassinplatz in Potsdam, die Linie 38. Auch andere Busse nahmen Fahrt auf: zum Beispiel der 92er von Falkensee bis zur Heerstraße in Staaken. -Fotos: Tagesspiegel-Archiv/Sportmuseum/Heinrich von der Becke, André Görke – Text: André Görke
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